• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

Julia hat bei Wirecard gearbeitet und war binnen Wochen plötzlich arbeitslos, als das Unternehmen insolvent gegangen ist. Auch wenn der Schock wegen der unerwarteten Unsicherheit groß ist – Julia kämpft weiter.

Als Julia sich am 17. Juni 2020 zwei Tage freinimmt, um ihren Geburtstag zu feiern, macht ihr ihr Job in der Unternehmenskommunikation von Wirecard noch gar keine Sorgen. Auf der Arbeit hat sie immer viel zu tun, entwickelt gerade ein neues Tool mit. "Ich erinnere mich noch, dass ich wirklich von morgens bis abends super viel gearbeitet habe", sagt Julia heute.

Julia arbeitet bei Wirecard und wird plötzlich arbeitslos

Einen Tag später legt Wirecard offen, dass die Jahresabschluss-Bilanz für das Jahr 2019 nicht ermittelt werden konnte, weil die Existenz von insgesamt 1,9 Milliarden Euro nicht bewiesen werden konnte. "Kurz davor haben wir schon eine Mail bekommen, dass da irgendwas nicht stimmt", erinnert sich Julia. "Da habe ich mir eigentlich noch gar nicht so viel dabei gedacht." Sie merkt aber schon dann, dass die Stimmung im Unternehmen sich aufheizt und dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unruhig werden.

Am 22. Juni kommt sie wieder zur Arbeit. "Dann war irgendwie immer weniger zu tun und es hieß, wir müssen jetzt Projekte erstmal auf Eis legen und einfach mal schauen."

Als Mitarbeiterin in der internen Unternehmenskommunikation habe sie auch kaum etwas tun können, als abzuwarten, sagt Julia. "Da hat sich langsam schon abgezeichnet, dass da irgendwas richtig Übles im Busch ist." In diesen Tagen realisiert Julia nach und nach, dass es sich um eine globale Krise handelt. Am 25. Juni meldet Wirecard Insolvenz an.

"Es hat sich für mich angefühlt, als würde ich in einem Film sein. Ich habe das irgendwie gar nicht zu hundert Prozent realisiert."
Julia über den Verlauf des Wirecard-Skandals

Am 25. August wird sie freigestellt. "Der Tag selbst war natürlich echt heftig", erinnert sich Julia. Als die E-Mail kommt, sitzt sie in ihrem Wirecard-Hoodie auf ihrer Terrasse, beschreibt Juia. "Mir sind einfach die Tränen runtergelaufen, weil ich in dem Moment einfach realisiert hab: Ich habe jetzt meinen Job verloren."

Julias Leben nach dem Jobverlust

Nachdem sie freigestellt wird, lässt Julia aber den Kopf nicht hängen: "Das allerwichtigste für mich war, dass ich immer eine gewisse Struktur beibehalte." Sie steht früh auf, geht spazieren, frühstückt. "Spätestens um halb zehn, zehn, saß ich dann an meinem Computer und habe Bewerbungen geschrieben, oder hab mich einfach umgeschaut."

Julia verinnerlicht einen Leitgedanken: "Das Motto heißt, dass ein guter Tag aus vier Komponenten besteht. Und zwar lieben, lernen, lachen, leisten." Sie habe versucht, die Komponenten immer abzudecken, sagt Julia. "Auf der einen Seite, dass ich Bewerbungen schreibe, dass ich einfach schaue, wie ich vorankommen kann. Dass ich mich weiterbilde, dass ich die Zeit nutze, um einfach was für mich zu tun. Aber auch, dass ich lieb zu mir selbst bin."

"Ich hatte extrem viel Zeit. Damit musste ich erstmal umgehen."
Julia über ihre Arbeitslosigkeit

Sie bewirbt sich, macht Weiterbildungen, besucht Online-Seminare, startet ihren eigenen YouTube-Kanal. Julia glaubt, dass sie bei den Bewerbungen als ehemalige Wirecard-Mitarbeiterin einen "Mitleidsbonus" hatte. Wegen der Pandemie ist die Jobsuche aber schwer, sodass Julia sich schließlich dazu entscheidet, sich selbstständig zu machen.

Vor dem plötzlichen Jobverlust hatte Julia immer einen stringenten Lebenslauf gehabt, mit einer Station nach der anderen, erzählt sie. Eine Pause oder Selbstfindungsphase habe sie nie gewollt. "Ich muss dazu sagen, dass ich die Tochter eines Beamten bin und in meinem Blut fließt ein unheimliches Bedürfnis nach Sicherheit." Ihre Einstellung habe sich aber jetzt geändert. "Natürlich habe ich jetzt ein ganz anderes Gefühl rund um diese Pausen oder auch diese Lücke im Lebenslauf."

Lücken im Lebenslauf – für Julia keine große Sache mehr

Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, rät Julia: "Wenn eine Lücke im Lebenslauf passiert, weil es äußere Umstände sind, für die man nichts kann, dann würde ich sagen, dass man damit immer offen umgeht." Sie selbst sei in Bewerbungen auf viel Verständnis gestoßen.

Wer sich eine bewusste Pause nimmt, sollte genau planen, betont Julia: "Dann hätte ich einfach den Tipp, dass man sich genau überlegt, was man in dieser Zeit machen möchte, oder wie man sie gegebenenfalls auch rechtfertigt." Julia glaubt, dass Arbeitgeber in dem Fall ziemlich offen sind.