Die Preise steigen – an der Tankstelle und auch im Supermarkt. Die Inflationsrate ist so hoch wie seit mehr als 40 Jahren nicht mehr. Menschen in Deutschland werden sich in nächster Zeit weniger leisten können. Vor allem aber wird es diejenigen treffen, die jetzt schon knapp mit dem Geld sind.

CDU-Chef Friedrich Merz hat in der ARD gesagt: "Wir haben wahrscheinlich – jedenfalls für eine gewisse Zeit – den Höhepunkt unseres Wohlstandes hinter uns. Es wird schwieriger." Jetzt muss man allerdings sagen: Deutschland ist – und bleibt es wahrscheinlich auch – ein reiches Land. Die Gesellschaft für Konsumforschung hat im Jahr 2020 die Kaufkraft der Bürgerinnen und Bürger in Europa ermittelt und daraus eine Karte erstellt. Und Deutschland schnitt dabei ziemlich gut ab, in einigen Regionen deutlich überdurchschnittlich im europäischen Vergleich.

"Wir werden uns das eine oder andere nicht mehr leisten können. Das wird für eine bestimmte Zeit so sein."
Friedrich Merz, CDU-Vorsitzender
Ein Teil der Deutschen wird also vermutlich den Wirtschaftsabschwung auf dem Konto sehen, – aber trotzdem wird sich ihr Leben dadurch nicht radikal ändern.

Absinken des Wohlstandes kann existenziell werden

"Das werden als erstes Menschen merken, die es eh schon nicht leicht haben. Also sprich, die ohnehin schon arm sind oder wenig Geld haben, – das sind Hartz IV-Beziehende, Rentner*innen und Grundsicherungsbeziehende, aber natürlich auch Menschen, die Vollzeit arbeiten oder Teilzeit und eben nicht viel Geld in der Stunde verdienen", sagt Helena Steinhaus. Sie hat den Verein "Sanktionsfrei" gegründet und setzt sich für Leute ein, die Hartz IV beziehen oder von Armut betroffen sind. Und wenige sind das nicht. In Deutschland gelten mehr als 13 Millionen per Definition als arm. Hinzu kommen noch diejenigen, die die definierte Armutsgrenze gerade so überschreiten.

Helena Steinhaus hat eine Vorstellung davon, was dieser Gruppe durch ein Absinken des Wohlstandes droht. Menschen, die bereits jetzt schon kaum mit ihrem Geld auskommen, werden in Zukunft noch sparsamer Lebensmittel einkaufen oder das Auto nicht mehr so nutzen können, wie sie es bisher getan haben. Bei armen Menschen können die Einschnitte wirklich existenziell werden.

"Die konkrete Folge für arme Haushalte ist, dass sie auf extrem viele Dinge verzichten müssen, auf die Sie auch schon verzichten, ja also gerade bei Hartz IV-Beziehenden ist das ja eklatant, was denen im Monat fehlt."
Helena Steinhaus, Verein "Sanktionsfrei"
Olivier David kennt das aus eigener Erfahrung. Er ist in Hamburg aufgewachsen, – arm, wie er sagt. Und darüber hat er vor Kurzem das Buch "Keine Aufstiegsgeschichte" geschrieben. Er kann die Prophezeiung von Friedrich Merz durchaus nachvollziehen, ist aber der Meinung, dass es auf keinen Fall zu Lasten der Armen gehen darf.
"In der Logik von Merz ist es richtig und stringent, dass es für uns alle ungemütlich wird. Aber das auch nur, weil wir es uns als Gesellschaft leisten, die Frage nach einer gerechten Verteilung von Ressourcen nicht anzugehen."
Olivier David, Autor

Olivier gehört keiner Partei an und spricht für keine Organisation. Er meint aber, dass in Deutschland der Wohlstand von unten nach oben umverteilt wird – und er wünscht sich genau das Gegenteil: "In einer idealen Welt, so wie ich sie definiere, ist unser Wohlstand angesichts eines solchen Krieges nicht in Gefahr. Es müsste der Reichtum einiger weniger sein, der gefährdet ist nicht die alleinerziehende Mutter und nicht die vierköpfige Familie."

Weniger Geld, weniger Konsum

Für den oder die Einzelne stellt sich nun, wo der Abschwung droht, die Frage: Worauf muss ich mich einstellen? Muss ich bescheidener werden? Muss ich auf das eine oder andere verzichten? Oder muss ich mich darauf einstellen, dass der Kuchen kleiner wird und die Verteilungskämpfe um die einzelnen Stücke härter werden?

Olivier David geht davon aus, dass Verteilungskämpfe geführt werden. Aber er ist auch der Meinung, dass wir in einer Gesellschaft leben, die in absolutem Überkonsum lebt. "Wenn die Ukraine-Krise jetzt dazu führt, dass wir uns die Frage stellen, wie viel Konsum an sich sollten wir uns leisten können, dann ist es ein Gespräch, das ich begrüße, – wenn es nicht darum geht, dass die alleinerziehende Mutter zum fünften Mal ihre Jeans flicken muss", sagt er.

Abschwung heißt also nicht nur: Weniger Geld auf dem Konto. Ein Abschwung würde auch bedeuten, dass wir weniger Verbrauchen – und dass die Verteilung von Armut und Reichtum vielleicht neu verhandelt wird.