"Wie kannst du nur so viele Flugreisen machen?!" oder "Runter mit dem Fahrrad vom Bürgersteig!" – Ansagen wie diese kennen wir alle und äußern sie manchmal selbst. Auch die Islamwissenschaftlerin und Community Managerin Linda Hamoui kennt diese Momente. Warum wir manchmal das Gefühl haben, die Moralkeule schwingen zu müssen, weiß der Verhaltensforscher Stefan Pfattheicher.

Linda Hamoui ist Islamwissenschaftlerin und arbeitet für das Community-Management beim ZDF, sie gibt Workshops für Anti-Rassismus und Diskriminierungsarbeit. Außerdem hat sie einen eigenen Podcast, den Hamam-Talk. Hier geht es um Themen unter anderem aus den Bereichen Identität, Glaube, Kultur oder Rassismus – Themen, bei denen auch die Moral immer eine große Rolle spielt.

Linda Hamoudi
© Linda Hamoudi | Deutschlandfunk Nova
Linda Hamoui

In Sachen Moral steht Linda auf beiden Seiten. Beim Fahrradfahren ist es sie, die gerne mal darauf hingewiesen wird, nicht auf dem Bürgersteig zu fahren. Auch beim Thema Shoppen sagt Linda, die Mode liebt, tappt sie öfters in den Konsumrausch. Beim Thema Political Correctness jedoch grätsche sie öfter dazwischen, um zum Beispiel Leute auf ihrer Wortwahl hinzuweisen, sagt sie.

"Beim Thema Political Correctness kommt immer so ein bisschen der Moralapostel in mir durch."
Linda Hamoui, Islamwissenschaftlerin und Community Managerin

Solch kleine Widersprüche, nicht in allen Lebensbereichen immer absolut korrekt zu sein, das kennen wahrscheinlich einige von uns. Auch wenn wir versuchen unser Bestes zu geben. "Wir sind alle nicht frei von Fehlern und nicht perfekt", sagt Linda.

Wokeness - ein problematischer Begriff

In der heutigen Zeit werden Menschen mit einer Haltung der Wachheit und Wachsamkeit oft mit dem englischen Wort woke bezeichnet. Den Begriff Wokeness findet Linda jedoch für sich persönlich problematisch. Klar sei es gut, wenn Menschen über Begriffe und diskriminierende Sprache nachdenken, gleichzeitig löse das aber auch Druck aus. Denn wie beim Beispiel Shoppen und Konsum: Woke zu sein klappe nicht auf allen Ebenen.

"Es gibt Bereiche, in denen ich auch dazulernen muss, deswegen würde ich mir niemals anmaßen, dass ich 100 Prozent woke bin."
Linda Hamoui, Islamwissenschaftlerin und Community Managerin

In der ganzen Diskussion um Wokeness dürfe man aber nicht vergessen, dass das Thema auch ein Privileg sei. Menschen in ärmeren Ländern oder in Krisengebieten hätten oft existenzielle Probleme und andere Nöte, als sich mit Political Correctness auseinanderzusetzen, sagt Linda.

Eine Sache der Emotionsregulation

Warum sich manche von uns nicht zurückhalten können und sich mitunter zum Moralapostel aufschwingen, darüber haben wir mit dem Verhaltensforscher Stefan Pfattheicher gesprochen. Von der Kindheit an lernen wir mit Normen und Regeln zu leben, die wir als Erwachsene dann stark verinnerlicht hätten. Beobachten wir dann Menschen, die gegen die Normen verstoßen, kann das Gefühl in uns hochkommen, belehren zu müssen.

Dabei gebe es stillere Charaktere und eben Menschen, die mit ihren Emotionen nicht so gut zurückhalten können. Wie impulsiv Menschen sind, sei zum Teil eine Frage der Erziehung, vor allem aber der Persönlichkeit.

"Manche lassen es raus, andere atmen erstmal durch und sind eher zurückhaltend. Es geht letztendlich um Emotionsregulation, also wie impulsiv die Leute sind."
Stefan Pfattheicher, Verhaltensforscher

Menschen als soziale Wesen wollen gerne von anderen Leuten als intelligent und als kompetent angesehen werden. Moralisches Besserwissertum sei auch eine Art zu zeigen, wie toll man ist, sagt Stefan Pfattheicher. Das sei wahrscheinlich eine grundlegende Motivation dahinter.

Nicht von oben herab belehren

Innerhalb des Familien- oder Freundeskreises merken wir manchmal, dass unsere Belehrung nicht so gut ankommt und andere nervt. Stefan Pfattheicher rät hier, nicht von oben herab zu belehren, weil wir uns damit über andere stellen. Viel besser sei es, das aus eigener Sicht gute Verhalten vorzuleben – zum Beispiel beim Fliegen oder beim Fleischkonsum.

"Nicht von oben herab belehren, stattdessen aus seiner Sicht gutes Verhalten vorleben."
Stefan Pfattheicher, Verhaltensforscher

Bei allen Differenzen, die es innerhalb des Familienkreises geben könnte, da gerade bei der älteren Generation vielleicht noch Muster vorherrschen, die heute eher infrage gestellt werden: Differenzen darf es geben und die muss man auch aushalten können, allerdings sollten wir nie die schönen Gemeinsamkeiten vergessen, um eine Situation nicht zu sehr eskalieren zu lassen.

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