Julia Sievers sagt, dass sie bis vor ein paar Jahren noch arbeitssüchtig war. Mittlerweile habe sie ihre Balance wieder, doch der Weg dahin sei nicht einfach gewesen. Beatrice van Berk forscht am Bundesinstitut für Berufsbildung zum Thema Arbeitssucht.

Kaum Hobbys, von morgens bis abends durcharbeiten, Feierabend erst dann, wenn die Augen zufallen, dazu täglicher Alkoholkonsum und Vernachlässigung der Familie – während eines Coachings, bei dem es auch um psychischen Stress im Zusammenhang mit Arbeitssucht ging, hat Julia erkannt, dass die dafür typischen Symptome auch auf sie zutreffen, sagt sie.

"Ich habe so gut wie keine Hobbys gehabt, habe von morgens bis abends durchgearbeitet. Ich habe meine Familie vernachlässigt. Feierabend war, wenn meine Augen zugefallen sind."
Julia Sievers über ihre Arbeitssucht

Julia war schockiert von der Erkenntnis, sagt sie. Vorher sei ihr das nicht aufgefallen. Als Business-Coach habe sie viel von zu Hause gearbeitet und die meiste Zeit am Schreibtisch gesessen. Heute weiß sie, dass sie für ihre Familie zwar körperlich anwesend war, aber nicht mit dem Kopf, sagt sie. Den normalen Alltag habe in dieser Zeit ihr Partner übernommen.

Von einem Extrem in das andere

Im Jahr 2021 versuchte Julia das Ruder herumzureißen. Es folgte die Trennung von ihrem damaligen Partner und eine neue Beziehung, in der sie bis heute glücklich sei. Trotzdem fiel Julia erst mal in ein tiefes Loch. Sie hatte keine Lust mehr zu arbeiten, beruflich ging es bergab, der Körper schrie förmlich nach Ruhe, sagt sie.

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Mit einem Coach habe sie es schließlich geschafft, beruflich wieder in die Spur zu kommen und Lust und Kraft für die Arbeit zu entwickeln. Das sei aber ein langer, schwieriger Weg mit vielen Rückschlägen gewesen, der fast zwei Jahre gedauert habe.

"Ich habe mal einen Coach an die Seite geholt, damit ich wieder in den Flow komme. Ich hatte Bock zu arbeiten, aber ich konnte nicht. Ich war wie gelähmt. Es war total irre."
Julia Sievers über ihre Arbeitssucht

Heute habe sie wieder zu einer guten Balance gefunden. Dazu zähle, ein normales Arbeitspensum nicht zu überschreiten. Julia setzt zudem bestimmte Feierabendzeiten, sie arbeitet nicht am Wochenende und achtet darauf, dass genügend freie Zeit für ihre Beziehung bleibt, sagt sie.

Exzessives und zwanghaftes Arbeiten ein Warnsignal

Laut einer aktuellen Studie der Hans-Böckler-Stiftung sind gut 10 Prozent der arbeitenden Menschen in Deutschland arbeitssüchtig. An der Studie hat auch die Arbeitsforscherin Beatrice van Berk vom Bundesinstitut für Berufsbildung mitgewirkt.

Bei der genauen Definition von Arbeitssucht gebe es in der Wissenschaft zwar Uneinigkeiten, für die Studie wurde suchthaftes Arbeiten "als das gemeinsame Auftreten von exzessiven und zwanghaften Arbeiten definiert", sagt Beatrice van Berk.

"Exzessives Arbeiten heißt zum Beispiel, häufig in der Eile oder im Wettlauf mit der Zeit zu sein. Zwanghaftes Arbeiten ist eher eine kognitive Dimension, wie sich angetrieben zu fühlen, hart zu arbeiten."
Beatrice van Berk forscht zum Thema Arbeitssucht

Beim exzessiven Arbeiten sind Menschen häufig in Eile und im Wettlauf mit der Zeit, sagt die Wissenschaftlerin. Zwanghaftes Arbeiten sei eher eine kognitive Dimension. Menschen würden hierbei zum Beispiel den Drang verspüren, hart zu arbeiten trotz Lustlosigkeit. Auch hätten sie Probleme, sich freizunehmen und zu entspannen.

Psychosomatische und physische Folgen der Arbeitssucht

Suchthaft arbeitende Menschen berichten weitaus häufiger von gesundheitlichen Beschwerden als Menschen, die nicht exzessiv und zwanghaft arbeiten, sagt Beatrice van Berk.

"Stress, allgemeine Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, körperliche und emotionale Erschöpfung sind halt Beschwerden, die in Depressionen oder Burn-out münden."
Beatrice van Berk forscht zum Thema Arbeitssucht

Stress, Niedergeschlagenheit, allgemeine Müdigkeit, körperliche Erschöpfung, die in Depression und Burn-out münden, können psychosomatische Folgen sein. Rund 31 Prozent der Arbeitssüchtigen in der Studie geben an, auch Kreuz-, Rückenschmerzen, Nackenschmerzen oder auch Schmerzen in der Hüfte oder in den Knien zu verspüren.

Betriebliche Regulierungen können helfen

Laut Studie sind jüngere Menschen etwas häufiger von suchthaftem Arbeiten betroffen als ältere. Die Tendenz, suchthaft zu arbeiten, sinkt mit zunehmende Alter, sagt Beatrice van Berk. Neuere Untersuchungen zeigen auch, dass Menschen im Homeoffice ein höheres Risiko haben, suchthaft zu arbeiten.

"Wir haben rausgefunden, dass in größeren Betrieben und in Betrieben mit Betriebsrat suchthaftes Arbeiten geringer verbreitet ist als in Kleinbetrieben und Betrieben ohne Betriebsrat."
Beatrice van Berk forscht zum Thema Arbeitssucht

Um der Arbeitssucht vorzubeugen, können betriebliche Regulierungen wie genaue Arbeitszeit,- und Überstundenerfassung ein nützlicher Faktor sein. Die Studie zeigt, "dass in größeren Betrieben mit Betriebsrat suchthaftes Arbeiten weniger verbreitet ist, als in Kleinbetrieben und Betrieben ohne Betriebsrat", so die Forscherin.

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In diesem Beitrag enthaltene Kapitel:
  • Julia Sievers sagt von sich selbst, dass sie bis vor ein paar Jahren noch arbeitssüchtig war. Mittlerweile hat sie ihre Balance wieder, doch der Weg bis dahin war nicht ganz einfach
  • Beatrice van Berk forscht am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zum Thema Arbeitssucht.
  • Ab 21
  • Moderator: Dominik Schottner
  • Gesprächspartnerin: Business-Coach Julia Sievers war arbeitssüchtig
  • Gesprächspartnerin: Beatrice van Berk forscht zum Thema Arbeitssucht