In Frankreich gibt es schon lange Hotlines gegen die Radikalisierung von Muslimen. 12.000 Menschen sollen gemeldet sein. Frankreich hat also ein Problem. Ein Zentrum zur Entradikalisierung soll helfen. Doch das beruht auf Freiwilligkeit. Reiner Aktionismus?

Das "Zentrum für Resozialisierung und Bürgerschaftlichkeit" wird am 15. September 2016 mit dem Ziel eröffnet, von Radikalisierung bedrohte junge Muslime zurück in die Gesellschaft zu holen. Das soll nicht unter Zwang passieren. Die jungen Männer und Frauen - es geht um 18- bis 31-Jährige - sollen sich freiwillig melden, sagt unser Frankreich-Korrespondent Marcel Wagner.

"Die Zentren sind ein erster Anker, um überhaupt irgendwas gegen Radikalisierung zu machen. Von daher ist das schon der richtige Weg."
Marcel Wagner, Frankreich-Korrespondent

Das Zentrum richtet sich explizit an junge Muslime, die von Radikalisierung bedroht sind. Die Idee ist, mit den Freunden und den Familien der Betroffenen gemeinsam diese davon zu überzeugen, dass sie einen falschen Weg eingeschlagen haben und Hilfe annehmen, um einer Radikalisierung zu entgehen.

Impfen gegen die Propaganda

Noch gibt es keine erfolgreichen Beispiele, denn die Arbeit des Zentrums beginnt bei Null. Mit an dem Programm arbeiten Menschen, die sich zuvor um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sowie um Sektenopfer gekümmert haben. Ebenso Sozialarbeiter und Psychologen. "Ein Psychologe sagte, er will den jungen Leuten ein kritisches Bewusstsein einimpfen - für Propaganda und Machtspiele, die auch hinter dem IS stehen", sagt Marcel. "Das finde ich einen interessanten Ansatz."

Und die wirklich Radikalen?

In Kontakt zu radikalisierten Jugendlichen wird das Zentrum kaum kommen. Davon scheint es in Frankreich aber genug zu geben: Innerhalb der vergangenen sieben Tage wurden in Frankreich drei 15-Jährige unabhängig voneinander festgenommen, sagt Marcel. Sie waren laut Sicherheitsbehörden alle auf dem Weg, unmittelbar Anschläge zu begehen.

"Die Fehler, die gemacht worden sind, haben vor Jahrzehnten stattgefunden. In der Schul- und Sozialpolitik, bei der Integration muss was gemacht werden."
Marcel Wagner, Frankreich-Korrespondent

Doch ist ein Zentrum, das solche radikalen und gefährlichen Jugendlichen nicht erreicht, dann reiner Aktivismus? "In gewissem Sinne ja, aber Aktivismus, der gar nicht anders geht", sagt Marcel. In Frankreich wurden bei Hotlines gegen Radikalisierung mittlerweile 12.000 Menschen von Freunde oder der Familie gemeldet - oder sie haben sich teils selbst gemeldet.

In den Banlieues ist viel Hass

Neben diesem Programm sollte es in Frankreich noch viel mehr geben, sagt Marcel. "Die richtig Radikalen kommen aus den Banlieues, aus einem sozial schwierigen Umfeld. Die bringen Hass auf diese Gesellschaft mit, die fühlen sich abgehängt." Sein Fazit: Für diese Menschen braucht es zur Entradikalisierung ein breites politisches Programm der Integration und Teilhabe.