Martin Riedel klettert gerne auf alles, was vertikal ist und stabil. Als Zirkusartist turnt er in bis zu zehn Metern Höhe - vor allem am sogenannten "Chinesischen Mast".

Für seinen Beruf klettert Martin Riedel viele Meter in die Höhe. Vielmehr turnt er an einem meterlangen Mast entlang. Und in der Regel macht er das vor Publikum. Denn: Martin arbeitet als freiberuflicher Zirkusartist. Egal ob Varieté, Theater oder Festival: In seinem Artistenjob ist der 31-Jährige mit verschiedenen Produktionen in ganz Europa unterwegs, unter anderem mit dem Cirque du Soleil.

Hoch hinaus

Seine Disziplin ist der Chinesische Mast - eine etwa sechs Meter hohe Stange, die Martin für seine Kunststücke dient. Für seine aktuelle Performance hat er den traditionellen Chinesischen Mast allerdings neu interpretiert: Bei seiner Show wird eine zehn Meter lange Stange an einem 3,5 Tonnen schweren Industrieroboter befestigt. Der bewegt die Stange während seiner Performance in alle möglichen Richtungen.

"Wenn ich das mache, habe ich immer etwa fünf Prozent in mir, die sagen: 'Du kannst sterben'."
Martin Riedel, freiberuflicher Zirkusartist

Während Martin seine Kunststücke dem Publikum präsentiert, sind immer auch ein bisschen Angst und Respekt dabei. Das halte ihn wach, sagt er.

Martin Riedel turnt an einer Stange
© Martin Riedel

Zuschauerinnen und Zuschauern einen Trick auf der Bühne zu zeigen, hat Martin schon als Teenager gefesselt. Mit 16 Jahren kam es dann in der Manege eines Zirkuscamps zum entscheidenden Moment: "Ich stand in der Manege, habe eine Hocheinradnummer gemacht und das Publikum hat geklatscht. Eine Woche habe ich für diesen einen Trick trainiert, und dann hat er auf der Bühne funktioniert – in dem Moment habe ich gesagt: 'Ich möchte Zirkusartist werden'".

Training in Beijing

2008 hat Martin während einer Jonglierconvention an einem Workshop für den Chinesischen Mast teilgenommen. Das war ein Perfect Match, erzählt er. Seitdem interessiere ihn jede vertikale Form, die sich zum Klettern eignet, sei es ein Baum oder eben eine Stange.

"Alles, was irgendwie vertikal und eine Stange ist, ein Baum, irgendeine kletterbare Form, ist natürlich interessant."
Martin Riedel, freiberuflicher Zirkusartist

Nachdem er an der niederländischen Fontys Academy Zirkus- und Performancekunst studiert hatte, ging Martin für einen Monat an eine Zirkusschule ins chinesische Beijing, um sein Training am Chinesischen Mast zu vertiefen. Dort durfte er mit den Großen trainieren – zwanzig Achtjährigen: "Das war die gesündeste Erfahrung für mein Ego als Artist: Zu sehen, dass es zwanzig Achtjährige gibt, die alles doppelt so gut können wie ich", sagt Martin.

Martin Riedel bei einem Trick am Chinesischen Mast
© Martin Riedel / Tilman Pfäfflin

Für den Artisten gehören Kunst und Lehre zusammen. Die Kunst, so Martin, lehrt die breite Masse und erlaubt ihr Einblicke, die sie andernfalls nicht unbedingt bekommen würde. Auch der Zirkus habe den Menschen "eigentlich immer Dinge gezeigt, die sie sonst nicht so einfach sehen konnten", sagt er. Und in diesem Licht betrachtet er auch seine eigene Performance.

Noch mehr über sein Leben als Zirkusartist und seinen Alltag erzählt Martin im Gespräch.