Mehr als 180 Menschen sind im vergangenen Juli bei der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands ums Leben gekommen. Die Katastrophe hat verdeutlicht: Deutschland ist auf solche Situationen kaum vorbereitet. Ändern will das der neue Präsident im Amt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Ralph Tiesler.

In Deutschland mangelt es an Maßnahmen zum Bevölkerungsschutz. Beispielsweise wurden vor rund fünf Jahren die vorhandenen Sirenen in Deutschland gezählt – es sind etwa 15.000. Das hört sich erst einmal imposant an, Experten sagen aber: Das ist gar nichts. Allein für eine Stadt wie Stuttgart würden im Kriegsfall 500 Sirenen benötigt.

Warn-SMS per Cell-Broadcast-Technik

Der Bund hat bereits Geld für die Erneuerung alter Sirenen und die Einrichtung neuer Sirenen bereitgestellt. Außerdem auf dem Weg: Die Entwicklung einer Warn-SMS, damit künftig im Notfall sowohl Personen mit Smartphones als auch mit älteren Handy-Modellen erreicht werden können.

Das funktioniert über Cell-Broadcast-Technik, die in vielen Ländern bereits genutzt wird. Das bedeutet, dass jedes Gerät, das sich in einer bestimmten Funkzelle befindet, von dieser im Zweifelsfall die Warn-SMS erhalten soll.

"Die Warn-SMS einzurichten ist deshalb so kompliziert, weil sie vor Hackerangriffen sicher sein muss."
Victor Gojdka, ARD-Haupstadtstudio

Dabei handelt es sich nicht um eine SMS im klassischen Sinne, sondern funktioniert technisch gesehen anders, erklärt ARD-Korrespondent Victor Gojdka. Da das System vor Hackerangriffen geschützt werden muss, dauert die Entwicklung so lange.

Rund 600 öffentliche Bunker

Wenn diese Technologie fertiggestellt ist, bleibt allerdings die Frage offen, wohin die Bevölkerung nach Erhalt einer solchen SMS überhaupt fliehen soll. Denn: Es gibt zwar noch rund 600 öffentliche Bunker, doch es ist bisher nicht klar, ob diese auch noch einsatzfähig sind. Also ob die Lüftungen funktionieren, ob die Schutzräume auch atomare Strahlung abhalten und wie viele Tage Menschen dort überhaupt ausharren können.

"Die Bunker müssen nun einzeln überprüft werden. Danach muss der neue Präsident entscheiden, ob noch mehr Schutzräume gebaut werden müssen."
Victor Gojdka, ARD-Haupstadtstudio

Deshalb hat der neue Chef im Amt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Ralph Tiesler nun eine Inventur der einzelnen Bunker angeordnet. Danach wird entschieden, ob die vorhandenen Schutzräume ausreichen oder noch zusätzliche eingerichtet werden müssen.

Lebensmittelreserve reicht nicht für alle

Was es allerdings in Deutschland bereits gibt, ist eine Lebensmittelreserve, berichtet Victor Gojdka. Dort sind grundlegende Lebensmittel wie Reis, Erbsen, Milchpulver und verschiedene Getreidesorten eingelagert. Aber: Diese Reserve reicht im Zweifelsfall nicht dafür, 83 Millionen Bundesbürger*innen über mehrere Monate zu versorgen. Die Vorräte sind eher auf regionale Bereiche aufgeteilt und für einige Tage vorgesehen.

"Spätestens seit der Pandemie ist klar: Wir brauchen auch eine medizinische Reserve."
Victor Gojdka, ARD-Haupstadtstudio

Ob es dort künftig Aufstockungen geben wird, ist noch unklar, so unser Korrespondent. Bereits beschlossen wurde allerdings die Einrichtung einer medizinischen Reserve. Dabei sollen Medikamente, Schutzmasken, verschiedene Geräte für rund einen Monat Bedarf eingelagert werden. Diese Entscheidung ist auch auf die Erfahrungen der Pandemie zurückzuführen.

Sowohl Unternehmen als auch Bevölkerung gefragt

Wir haben beispielsweise gelernt: Masken können nicht einfach ewig lange eingelagert werden. Deshalb sollen künftig im Katastrophenschutz auch Unternehmen eingespannt werden, so dass sie im Ernstfall eine schnelle Produktion aufnehmen können.

Ralf Tiesler hat zu Amtsantritt außerdem auch an die einzelnen Bürger*innen appelliert, sich auch privat Gedanken zu machen und beispielsweise einen Vorrat an haltbaren Lebensmitteln und Trinkwasser zu haben. Außerdem will er die Bevölkerung in die Entscheidungen mit einbeziehen und herausfinden, welche Art von Schutz gewünscht ist.