Der Zukunftsforscher Tristan Horx blickt dem Sommer zuversichtlich entgegen, weil dieser die letzte Phase der Pandemie einläuten könnte. Und die Geschichte lehrt uns: Auf eine Pandemie folgt Aufbruchsstimmung.

Die Zahl der Geimpften wird im Sommer steigen, und das wärmere Wetter wird es uns leichter machen, uns draußen mit anderen zu treffen. Das ist der positive Ausblick, den der Zukunftsforscher Tristan Horx für die kommenden Wochen und Monate skizziert.

"Auch wenn die Herdenimmunität erreicht ist, brauchen die ganzen Systeme und Infrastrukturen im Hintergrund noch eine ganze Zeit, um sich wieder zu öffnen."
Tristan Horx, Trend- und Zukunftsforscher

Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass von einem Tag auf den anderen plötzlich alles besser werde, sagt Tristan. Viel mehr sieht er den Übergang in die Post-Corona-Zeit als einen langsamen Prozess, weil die System und Infrastrukturen, die während der Pandemie gedrosselt oder heruntergefahren wurden, eine Zeit brauchen, bis sie sich wieder öffnen können, sagt er.

Vier mögliche Zukunftsszenarien

Tristan Horx ist Teil der Wiener Zukunftsinstitut GmbH, ein Trendforschungsunternehmen, das vier Szenarien für die Wirtschaft und die Gesellschaft für die Zeit nach Corona entworfen hat.

  1. Die totale Isolation (der Shutdown wird zur Normalität)
  2. Der System-Crash (der internationale Zusammenhalt funktioniert nicht mehr)
  3. Neo-Tribes (stärkeren Fokus auf lokale Strukturen)
  4. Adaption (flexibler und gestärkt aus der Krise herausgehen)

Tristan sagt, dass sich nicht zwangsläufig eines dieser Szenarien durchsetzen wird, sondern eher eine Mischung, die aus unterschiedlichen Elementen verschiedener Entwürfe bestehen wird. Die vier Zukunftsszenarien dienten eher dazu, aufzuzeigen, in welche verschiedenen Richtungen unsere Zukunft sich entwickeln könnte und auch, was weniger wünschenswert ist.

"Die Szenarien hatten eher auch die Aufgaben, mögliche Zukünfte zu zeichnen, um auch zu zeigen, was man erreichen könnte und was man vielleicht vermeiden sollte."
Tristan Horx, Zukunftsforscher

Wenn man das Gesamtbild betrachtet, befinden wir uns am Ende des Industriezeitalters, sagt Tristan Horx. Das heißt, das Ende der Pandemie fällt sozusagen mit dem Wechsel in ein neues Zeitalter zusammen. Historisch gesehen können wir sehen, wie auf die Spanische Grippe eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs folgte. Diese positive Aufbruchsstimmung, die sowohl das Ende der Pandemie als auch den Start in ein neues Zeitalter markiert, sollten wir positiv nutzen, sagt er.

Gesellschaftliche Brüche werden sichtbarer

Negative Nachrichten, endlose TV-Debatten und die Oppositionsparteien, die sehr darauf fokussiert sind, politische Maßnahmen zu kritisieren, lassen uns zum Teil vergessen, dass es eigentlich alles relativ gut läuft für eine Pandemie, sagt Tristan.

"Die 15 Prozent der Gesellschaft, die wir verloren haben durch diesen Prozesse, die hatten wir wahrscheinlich auch schon davor verloren, und wir haben es nicht so sehr gemerkt."
Tristan Horx, Zukunftsforscher

Ein Problem, das sich in diesen Zeiten noch deutlicher zeige als sonst, seien die zehn bis fünfzehn Prozent der Gesellschaft, die wir verloren hätten durch diesen Prozess, sagt Tristan. Damit meint er diejenigen, die sich radikal von der Politik, der Wissenschaft und der Medienwelt abgewandt haben.

Diese Personen hätten wir vorher schon verloren, wir hätten dies aber nicht bemerkt. Die Pandemie lasse Brüche in der Gesellschaft sichtbarer werden, sagt Tristan. Dieses Problem werde durch Wegschauen nicht zu lösen sein, viel mehr müsse man sich überlegen, wie man diese Menschen wieder in die Gesellschaft integrieren könne, sagt Tristan.

Nachhaltigere Konzepte - Umdenken in der Konsumindustrie

Die Pandemie könne auch zu einem Umdenken in unserer Konsumgesellschaft führen. Probleme des Überkonsums sieht Tristan besonders bei Lebensmitteln und in der Modeindustrie. Die Anbieter von Fast Fashion säßen inzwischen auf den Beständen von vier Saisons.

Fokus von Quantität zu Qualität

Bereiche wie die Modeindustrie würden somit möglicherweise schon allein aus ökonomischen Gesichtspunkten zu einem Umdenken gezwungen, sagt der Zukunftsforscher. Das zeigten auch die Marketingkampagnen, die deutlich machten, dass verschiedene Konsumbereiche diesen Wandel mittragen wollen.

Durch die veränderten Bedingungen in der Pandemie und dem Lockdown würden wir das, was wir einmal als Normalität betrachtet haben, hinterfragen und das könnte dann zu einem Umdenken führen. Entzug, Reflexion und Katharsis seien grundlegende Prozesse, die dazu führen, dass Individuen ihre Verhalten ändern. Und das gelte auch für die Gesellschaft.

Insgesamt sollte man von einer Lernfähigkeit der Gesellschaft ausgehen, sagt Tristan Horx, weil die Menschheit es ansonsten auch nicht bis ins 21. Jahrhundert geschafft hätte.