1000 Zwangsehen von Minderjährigen im Jahr in Deutschland. Diese Zahl hält Monika Mitchell von Terre des Femmes für realistisch.

In Deutschland dürfen Minderjährige ab 16 Jahren heiraten. Vorausgesetzt die Eltern sind damit einverstanden und das Familiengericht hat für eine standesamtliche Hochzeit sein OK gegeben. 2013 haben 113 Minderjährige - davon waren 107 Mädchen - in Deutschland standesamtlich geheiratet. Zahlen über die eigentliche Höhe der Anträge gibt es nicht. Auch bei Zwangsehen gibt es keine verlässlichen Zahlen: Das ist eine Familienangelegenheit.

Familienehre ist wichtiger als die Tochter, Schwester, Nichte

Die Opfer von Zwangsehen haben meistens einen Migrationshintergrund. "Sie kommen aus einem Kulturkreis, in dem die Familienehre sehr wichtig ist", sagt Monika Michell von Terre des Femmes. "Sie ist wichtiger als das Individuum." Eine extrem wichtige Rolle für die Ehre spielt dabei die Sexualität der weiblichen Familienmitglieder: Frauen müssen jungfräulich in die Ehe gehen. Wenn dann die Gefahr besteht, dass ein Mädchen einen Freund hat, wird nach einem passenden Heiratskandidaten gesucht.

"Wenn ein Mädchen schon einen schlechten Ruf hat, wird sie zum Teil auch mit einem älteren Mann als Zweitfrau verheiratet."

Auch wenn die Mädchen gegen ihren Willen verheiratet werden, finden sich einige damit ab und fügen sich. Die Alternative wäre es, sich gegen die eigene Familie zu stellen, gegen einen starken Familienbund, den sie ja auch lieben und von dem sie nicht lösen können oder wollen. Da ist Hilfe schwierig. "Man kann ja nichts gegen den Willen des Mädchens tun", sagt Monika Michell. Theoretisch kann das Jugendamt Minderjährige in Obhut nehmen und so fürs erste vor einer Zwangsheirat schützen.

Terre des Femmes fordert zum Schutz von Minderjährigen eine Heraufsetzung des Mindestalters für Ehen auf 18 Jahre, so wie es zum Beispiel in Schweden schon der Fall ist. Dann würden solche Ehen von Minderjährigen schon grundsätzlich nicht mehr anerkannt.

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