Der Deutsche Bundestag feiert ein schönes Jubiläum: 100 Jahre Frauenwahlrecht. Doch im Deutschen Bundestag sitzen zu wenig Frauen - nur jede dritte Abgeordnete ist eine Frau. Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann hat darum vorgeschlagen, das Wahlrecht zu ändern. Die Politikwissenschaftlerin Svenja Krauss überzeugt der Vorschlag aber nicht.

Zum hundertsten Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts gibt es im Deutschen Bundestag eine Feierstunde. Die Realität sieht aber so aus: Von den über 700 Abgeordneten im Deutschen Bundestag ist nur jede Dritte eine Frau. So wenige waren es seit 20 Jahren nicht mehr.

Zwei DirektkandidatInnen

Passend dazu kommt der Vorschlag von Thomas Oppermann: Mit einer Wahlrechtsreform will der Bundestagsvizepräsident dafür sorgen, dass mehr Frauen in den Bundestag kommen: In jedem Wahlkreis soll es zwei Direktkandidaten geben, die gewählt werden – jeweils einen Mann und eine Frau, so sein Vorschlag. Dafür soll sich die Zahl der Wahlkreise insgesamt verringern.

Für die Politikwissenschaftlerin Svenja Krauss ist Oppermanns Vorschlag nicht überzeugend, sondern klingt erzwungen.

"Der Vorschlag ist keine richtige Lösung, um die Gleichberechtigung im Bundestag zu verbessern. Das hört sich eher sehr erzwungen an."
Svenja Krauss, Politikwissenschaftlerin

Für die von Oppermann vorgeschlagene Wahlrechtsänderung müsste die deutsche Verfassung geändert werden. Eine Zweidrittelmehrheit im deutschen Bundestag ist dafür nötig. Krauss hält es für unwahrscheinlich, eine solche Mehrheit zu bekommen - weil sich weder die gesamte Union noch die gesamte SPD davon überzeugen lassen werde, meint sie.

An der Basis muss etwas geschehen

Statt einer Reform des Wahlrechts, schlägt Krauss etwas anderes vor: Die Parteien sollten an der eigenen Basis ansetzen, dort mehr Frauen motivieren und es ihnen ermöglichen, auch in unteren Ebenen in Führungspositionen zu gelangen. Das müsse nicht unbedingt über eine Quote geschehen.

Auf den Wahllisten der Parteien stünden zwar eigentlich ziemlich viele Frauen, erklärt Krauss. Das Problem: Die Union wie auch die SPD rekrutiere die meisten ihrer Abgeordneten durch Direktmandate. Die Listenplätze, die über die Zweitstimme vergeben werden, seien da gar nicht mehr so relevant - und damit auch die Frauen, die dort gelistet sind.

Traditionell wenig Frauen

AFD und FDP, die in dieser Legislaturperiode neu im Bundestag dabei sind, haben außerdem traditionell sehr wenig Frauen auf ihren Listen, sagt Svenja Krauss. Nur die Parteien selbst könnten das ändern.

"Die Parteien sollten sich an die eigene Nase fassen und die Frauen stärken. Das ist besser, als das von oben zu diktieren."
Svenja Krauss, Politikwissenschaftlerin

Oppermann hat außerdem vorgeschlagen, den Bundestag kleiner zu machen. Diese Idee teilt Svenja Krauss: 709 Abgeordnete würden "immens hohe Kosten" verursachen, meint sie. Der Bevölkerung sei das nur schwer zu vermitteln. Die Anzahl der Wahlkreise zu verringern, wie von Oppermann vorgeschlagen, sei in dieser Hinsicht durchaus eine Möglichkeit.

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