Vor 40 Jahren detonierte auf dem Münchner Oktoberfest eine Bombe. Heute ist klar: Die Behörden wollten vertuschen, dass es sich um einen rechtsextremen Anschlag handelte.

Es war der folgenschwerste rechtsextreme Anschlag in der Geschichte Deutschlands: Durch die Bombenexplosion am 26. September 1980 auf dem Münchner Oktoberfest starben 13 Menschen, darunter der Attentäter selbst, 213 Personen wurden verletzt, 68 davon schwer. Heute steht für die Bundesanwaltschaft fest: Der Täter hat aus rechtsextremistischen Motiven gehandelt. Vier Jahrzehnte zuvor klang das noch anders - jedenfalls offiziell.

Einzeltäter-Theorie

Zu Beginn der Ermittlungen sprachen die Beamten davon, dass der mutmaßliche Attentäter Gundolf Köhler aus der Neonazi-Szene stammte und Mitglied der "Wehrsportgruppe Hoffmann" war. Es gab eine Pressekonferenz, auf der das so gesagt wurde.

Doch schnell wurde das wieder zurückgenommen und es hieß: Gundolf Köhler soll aus Einsamkeit und Liebeskummer gehandelt haben. Und er sei Einzeltäter gewesen.

Vertuschung durch Behörden

Thies Marsen ist Reporter beim Bayerischen Rundfunk und beschäftigt sich intensiv mit dem Oktoberfest-Attentat. "Diese Bombe ist mitten in den Bundestagswahlkampf reingeplatzt", erklärt der Journalist das Problem. Damals wollte der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß Kanzler werden - und er hatte zuvor die Wehrsportgruppe völlig verharmlost.

Die Behörden hatten die Wehrsportgruppe Hoffmann über Jahre gewähren lassen, obwohl sie schon erste Anschläge verübt hatten, sagt Thies Marsen. "Das passte überhaupt nicht ins Konzept dieses Wahlkampfes, in dem sich Franz Josef Strauß als Sicherheitspolitiker produzieren wollte."

"Im Fall des Oktoberfest-Attentats kann man wirklich sagen: Das war bewusste Vertuschung."
Thies Marsen, Reporter beim BR

"Der Staatsschutz in Bayern und der Verfassungsschutz haben gezielt Einfluss auf die Ermittlungen genommen", sagt Thies Marsen. Das Ziel war, dass bei den Ermittlungen herauskam: Einzeltäter, irgendwie frustriert, irgendwie liebeskrank. Ob Strauß etwas damit zu tun hatte, lässt sich nicht nachweisen. "Aber es gibt Indizien ohne Ende."

Oktoberfest-Attentat: Beweise wurden vernichtet

Es dauert 30 Jahre bis der Fall wieder genauer betrachtet wurde: Anwälte von Opfern forderten DNA-Analysen der Asservate vom Tatort. Splitter der Bombe und Teile einer Hand, die bisher niemandem zugeordnet werden konnten - die Hand galt deswegen als Hinweis auf einen Mittäter.

Aber Fehlanzeige: Das Bundeskriminalamt teilte mit, dass alle Asservate vernichtet worden waren. Dieses Vorgehen sei üblich, da der Fall aufgeklärt gewesen sei und alle Ermittlungen nach Mittätern ergebnislos geblieben seien. Thies Marsen sagt: "Damals ist eine Mauer errichtet worden, die wir auch 40 Jahre danach nicht mehr durchdringen können."

"Es gibt eine lange Tradition der Verharmlosung von rechtem Terror."
Thies Marsen, Reporter vom BR

Schuld daran ist für ihn, dass Rechtsterrorismus nicht ernst genommen wird: "Es gibt eine lange Tradition der Verharmlosung von rechtem Terror." Der Anschlag vom Oktoberfest war nur 35 Jahre nach 1945. Damals seien die die Behörden noch durchsetzt gewesen von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern. "Da hat eine gewissen Kultur des Wegschauens geherrscht bei allem, was rechter Terror war."

Das habe sich bis heute kaum geändert, kritisiert der BR-Reporter. "Auch beim NSU wissen wir zum Teil, dass dort ganz bewusst Ermittlungsarbeiten sabotiert worden sind." Informationen seien zurückgehalten worden, Hunderte von Akten geschreddert, damit man nicht nachvollziehen kann, was da alles schiefgelaufen ist.

Aber auch hier gilt: Nachweisen kann man nichts. "Sicher ist aber, dass ein struktureller Rassismus innerhalb der Behörden eine Rolle gespielt hat."