Einen Monat lang Bus und Bahn fahren und dafür nur 9 Euro zahlen. Das 9-Euro-Ticket ist Teil des Entlastungspakets der Bundesregierung, das wegen der hohen Energiepreise geschnürt worden ist. Die Ankündigung hatte für eine Menge Fragezeichen gesorgt. Inzwischen gibt es einige Antworten – wir fassen sie zusammen.

Die Landesverkehrsministerinnen und -minister seien alle ziemlich überrascht gewesen, als das 9-Euro-Modell vorgestellt wurde, sagt Reinhard Meyer, der Verkehrsminister von Mecklenburg-Vorpommern. Es habe nämlich viele Fragen provoziert und sei kompliziert in der Anwendung. Stattdessen hatten die Minister*innen einen für drei Monate kostenlosen ÖPNV ins Spiel gebracht.

"Wir Landesverkehrsminister haben empfohlen: Wenn ein solches Zeichen gesetzt werden soll, dann lieber kostenlos für drei Monate – das ist dann ein klares Zeichen und einfach umzusetzen."
Reinhard Meyer, Verkehrsminister von Mecklenburg-Vorpommern

Inzwischen ist klar: Das Ticket wird kommen – nicht die kostenlose Version, sondern die für 9 Euro im Monat. Ab Juni soll es die ÖPNV-Monatskarte geben. Das Angebot soll für Juni, Juli und August gelten. Bundesverkehrsminister Volker Wissing hatte zwar auch mal den 1. Mai als Startdatum ins Auge gefasst – das ist aber wohl wegen des organisatorischen Aufwands unrealistisch.

Online-Ticket, ÖPNV bundesweit

Die Idee eines kostenlosen Tickets lehnt Wissing ab – mit der Begründung, dass sich mit einem Ticket, das Geld kostet, die (erhöhte) Nachfrage besser nachvollziehen lasse, auf die sich die Verkehrsbetriebe dann einstellen können. Weil sie wissen, was auf sie zukommt.

Um den Organisationsaufwand für die Verkehrsbetriebe möglichst gering zu halten, sollen zwei wichtige Punkte helfen:

  1. Das Angebot wird es nur als Online-Ticket geben – damit entfällt zum Beispiel der Aufwand, Fahrkartenautomaten umzuprogrammieren.
  2. Das Ticket soll für den ÖPNV bundesweit gelten – damit es an den vielen Tarifgrenzen im komplizierten deutschen ÖPNV-Netz keine Probleme gibt.
"Wenn man ein Onlineticket anbietet, braucht man auch nicht Fahrkartenautomaten umprogrammieren."
Volker Wissing, Bundesverkehrsminister

Auch die Menschen, die regelmäßig mit den Öffis unterwegs sind und bereits ein Monats- oder Jahresabo haben, werden entlastet. Ansonsten würden sie ja viel mehr bezahlen. Die Kosten für das Abo sollen in den entsprechenden Monaten entweder nicht eingezogen werden – oder die Abonnent*innen bekommen die Differenz zurückerstattet. Diese Regelung soll auch für alle Studierenden mit Semesterticket gelten.

Juni-August als Modellversuch

Der Bundesregierung geht es beim 9-Euro-Ticket offiziell um eine Entlastung für Bürgerinnen und Bürger wegen der gestiegenen Energiepreise. Sie werden die drei Monate von Juni bis August aber bestimmt auch als Gelegenheit nutzen, um mal zu testen, wie viele Menschen ein solches Angebot interessiert, glaubt Sebastian Sonntag.

Preissenkungen alleine genügen aber nicht, um mehr Menschen für den ÖPNV zu gewinnen, sagt Martin Mendel vom Fahrgastverband Pro Bahn.

"Allein über den Preis bekomme ich langfristig keinen Menschen vom Auto in den ÖPNV, zeigen Studien. Da muss einfach mehr passieren."

Es müssten nicht nur die Tickets billiger werden, sondern vor allem müsste das Angebot verbessert werden, sagt Martin Mendel. Vielleicht wären die geschätzt 2,5 Milliarden Euro, die das 9-Euro-Ticket kosten wird, da besser aufgehoben.

Forderung nach radikaleren Schritten

Manche Verkehrsexpert*innen sagen, die Zeit des Rumprobierens sei schon längst vorbei. Sie fordern – gerade in urbanen Räumen – deutlich radikalere Schritte als einen dreimonatigen Modellversuch. Den Autos müsste mehr als die Hälfte der Fläche entzogen werden, fordert zum Beispiel Professor Hermann Knoflacher von der TU Wien.

"Man müsste dem Autoverkehr mehr als die Hälfte der Fläche wegnehmen. Und das müsste man ‚schnell und blutig‘ machen. Wenn wir nur hier und da mal herumdoktern, sind das nur halbe Sachen – und die eitern weiter."

Radikale Änderung bedeutet: Das Auto muss für die Menschen viel, viel unattraktiver werden. Zeitgleich müssen die Alternativen so gut und so günstig sein, dass sie auch wirkliche Alternativen sind. Erst dann wird man realistisch einschätzen können, wie viele Leute wirklich umsteigen. In Wien scheint dieser Plan aufzugehen.