Ab heute gilt es: das 9-Euro-Ticket. Der Feiertag steht vor der Tür und Autobahnen wie Züge werden voll. Keine gute Mischung, denn gerade wenn wir mobil sind, ticken wir gerne aus. Volle Züge, voll der Stress. Warum eigentlich? Und vor allem: Was können wir tun, um gelassen zu bleiben?

Alle Sitzplätze belegt, die Gänge sind auch voll und dann vielleicht auch noch das Fenster kaputt und schlechte Luft. Eine ziemlich gefährliche Mischung beim Bahnfahren – auch dann, wenn der Spaß nur neun Euro kostet.

Stress vorprogrammiert

Wir Deutschen nörgeln und streiten ganz gerne Mal, wenn es um Verkehr geht – nicht nur den auf der Autobahn, findet Deutschlandfunk-Nova-Reporter Mathias von Lieben.

"1500 Menschen, zusammengepfercht in einem Zug. Die Luft ist zum Schneiden dick. Die hier stehen, sind Wochenendausflügler in einem Eilzug nach München. Das Beispiel ist kein Einzelfall, sondern die Auswirkung einer neuen Werbeoffensive der Bahn."
ARD-Reportage aus dem Jahr 1995

Um uns ein bisschen auf die "Erlebniswelt 9-Euro-Ticket" vorzubereiten, helfen vielleicht ein paar Erfahrungswerte.

1995: Das "Schönes-Wochenende-Ticket"

Vor 27 Jahren, 1995, hatte die Deutsche Bahn gerade das "Schönes-Wochenende-Ticket" (SWT) eingeführt. 15 Mark hatte es gekostet und jeweils bis zu fünf Leute durften damit in allen Nahverkehrszügen quer durch die Republik fahren.

Wie auch beim 9-Euro-Ticket war die Freude zunächst groß – der Frust dann allerdings häufig auch: "Nur in den ersten Nachkriegsjahren waren die Züge so voll!" hieß es in einem TV-Bericht aus der Zeit. Oder: "Brechend volle Züge, schimpfende Fahrgäste, frustrierte Schaffner."

So ganz verkehrt kann es aber irgendwie nicht gewesen sein – das SWT blieb nämlich über zwei Jahrzehnte lang, bis zum 8. Juni 2019 im Angebot der Bahn.

Psychologische Mechanismen

Ab dem 1. Juni 2022 rechnen Verkehrsexpert*innen nun erneut mit einer angespannten Stimmung unter den Fahrgästen. Die Frustrationsschwelle sei sowieso schon sehr niedrig, heißt es. Auch Gewerkschaften erwarten richtig viel Frust.

"Keiner will gerne im Gang stehen, mit fünf anderen eng an eng. Das sind typische psychologische Mechanismen: Man braucht einen gewissen Raum, um sich wohl und geschützt zu fühlen."
Don De Vol, Deutsche Gesellschaft für Verkehrspsychologie

Jeder möchte einen Sitzplatz haben, möglichst auch bequem und nicht Ellbogen an Ellbogen, weiß Don De Vol, der stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Verkehrspsychologie. Das seien typische psychologische Mechanismen. Jede und jeder brauche einen gewissen Raum, um sich wohl und geschützt zu fühlen.

Die Bahn, das feuchtwarme Biotop

Dieser Wohlfühlraum könnte in den drei Monaten des 9-Euro-Tickets aber häufig zwangsläufig zum feuchtwarmen Biotop werden – zu einem Biotop, in dem uns fremde Menschen zu nahekommen. Und das löst Stress aus, weiß Cornelia Herbert, Professorin für Angewandte Emotions- und Motivationspsychologie an der Uni Ulm.

Zwar muss man differenzieren zwischen ängstlicheren Menschen und nicht so ängstlichen. Zwischen Pendler*innen und Menschen, die mit dem 9-Euro-Ticket in den Urlaub fahren. Grundsätzlich kann man sich aber schon ein bisschen auf diese Herausforderungen vorbereiten und so den emotionalen Super-Gau vermeiden.

Erwartungen dämpfen

Es komme darauf an, mit welchen Erwartungen wir in eine solche Situation hineingehen, sagt Cornelia Herbert. Wenn wir zu Stoßzeiten Bahn fahren, sollten wir eben schon von Anfang an mit einem vollen Zug kalkulieren und am besten von vornherein eher auf einen Stehplatz setzen.

Verkehrspsychologe De Vol empfiehlt, seinen "Wohlfühlraum subjektiv zu erweitern" – und zwar, indem man sich zurückzieht und auf sich selbst fokussiert – zum Beispiel über die Mediennutzung: Kopfhörer auf die Ohren, Augen zu.

"Etwa mit Hilfe der neuen Medien kann man sich in sich hineinziehen und so den subjektiven Raum vergrößern – und damit den wahrgenommenen Raum zum anderen."
Don De Vol, Deutsche Gesellschaft für Verkehrspsychologie

Genau das legt auch Cornelia Herbert 9-Euro-Ticket-Reisenden ans Herz: die herausfordernde Situation ausblenden und sich ablenken. Mit einer entspannten Playlist lässt sich in gewissem Maße die Flucht ergreifen.

Ähm... Death Metal würden wir dagegen vielleicht eher nicht empfehlen.

Emotionsregulierung durch Gedankenreise

Wer kein Hörspiel oder Musik zur Hand hat oder das nicht möchte, kann auch einfach so die Augen schließen und auf Gedankenreise gehen – zum Beispiel kann man "ein Bild zeichnen von dem, was einen als nächstes erwartet", schlägt die Motivationspsychologin vor.

Der Nebeneffekt: Wenn ich meine Reise mittels Salamitaktik in kleine Häppchen zerlege und mir überlege, wohin mich der Zug als nächstes bringt und wie lange das wahrscheinlich maximal noch dauern wird, dann bewerte ich sie Situation neu und bin ihr nicht mehr so hilflos ausgeliefert.

Ergebnis: Ein Ende der Stresssituation ist in Sicht und ich werde entspannter.

Genervte Menschen meiden

Oftmals bin ich ja aber nicht selbst der Auslöser für eine Stresssituation, sondern andere Personen. Etwa solche, die schimpfen, weil ihnen ein Mitreisender oder ein Koffer in die Quere kommt.

Die gereizte Stimmung dieser Menschen kann man frühzeitig an deren Mimik ablesen, sagt Cornelia Herbert – und so Konflikten im besten Fall aus dem Weg gehen. Wenn das nicht klappt und man trotzdem angepflaumt wird, sollte man mit aller Kraft versuchen, ruhig zu bleiben und eine freundliche Antwort zu geben, empfiehlt sie.