Die Taliban treten öffentlich zwar gemäßigter auf, aber viele Ortskräfte fühlen sich in Lebensgefahr und wollen das Land schnellstmöglich verlassen.

Journalisten, die ihre Jobs verloren haben, Ortskräfte, die für die Bundeswehr gearbeitet haben und um ihr Leben fürchten und Frauen, die nicht zu den gleichen Uhrzeiten wie Männer die Unis betreten sollen – Wir haben mit unserer Korrespondentin Silke Diettrich darüber gesprochen, wie sich die Situation in Afghanistan in den vergangenen sechs Monaten entwickelt hat, seit die Taliban die Regierungsmacht im Land übernommen haben.

"Ich denke, auf uns wartet eine finstere Zukunft. Wir haben alle unsere Jobs verloren. Und: Wir haben alle unsere Träume verloren."
Afghanischer Journalist, Kabul

Auch wenn die Taliban öffentlich gemäßigter auftreten und beispielsweise keine Steinigungen oder Hinrichtungen in Sportstadien vornehmen, so passiere doch viel unter der Hand und viele Menschen fühlten sich bedroht und seien sehr besorgt, sagt unsere Korrespondentin Silke Diettrich.

"Es passiert unglaublich viel unter der Hand. Wir sind in sämtlichen Whatsapp-Gruppen, wo Leute erzählen, dass Menschen verschleppt werden."
Silke Diettrich, Korrepsondentin

Sie spricht von einer Art PR-Kampagne der Taliban, die nach außen hin gemäßigter auftreten würden. Was Silke Diettrich allerdings in vielen Whatsapp-Gruppen erfährt, zeichnet ein ganz anderes Bild. Viele Bürgerinnen und Bürger des Landes sprechen dort von Verschleppungen und Tötungen, die die Taliban-Regierung zu verantworten hat.

Auch die Organisation der Vereinten Nationen (UNO) bestätige, dass mindestens 100 Menschen getötet worden seien, die Ortskräfte gewesen sein sollen oder vor der Machtübernahme durch die Taliban für die afghanische Armee gearbeitet haben sollen.

"Es sind immer noch Hardcore-radikale Islamisten, aber was sie jetzt vermeiden, ist das, was wir vor 25 Jahren gesehen haben: öffentliche Steinigungen, oder dass Leute in Stadien hingerichtet werden."
Silke Diettrich, Korrespondentin für die Region

Zum Zeitpunkt der Machtübernahme vor sechs Monaten sind viele Ortskräfte, die beispielsweise für die Bundeswehr tätig waren, von der Bundesregierung aus dem Land ausgeflogen worden. Allerdings gibt es sehr unterschiedliche Zahlen darüber, wie viele Menschen das genau betrifft. Das liege daran, dass verschiedene Ministerien involviert seien und die mitgeteilten Zahlen sehr unterschiedlich seien, sagt Silke Diettrich.

"Die Bundeswehr sagt, ich soll in Afghanistan warten, aber ich kann hier nicht mehr warten. Ich muss jetzt raus, ich bin Gefahr. Seit Tagen kommen Männer zu meiner ehemaligen Wohnung und fragen die Nachbarn, wo ich sei."
Ein Mann, der als Ortskraft gearbeitet hat und darauf wartet, dass er mithilfe der Bundeswehr ausreisen kann.

Klar sei nur, sagt die Korrespondentin, dass viel mehr Ortskräfte noch im Land seien, als diejenigen, die das Land bisher verlassen konnten.

Eine Ausreise per Flugzeug ließen die Taliban zurzeit nicht zu. Die neu gewählte Bundesregierung versuche nun Busse zu organisieren, um noch mehr Menschen aus dem Land zu holen.

Afghanische Ortskräfte fürchten um ihr Leben

Das sei allerdings ein sehr langwieriger Prozess, weil die Menschen sehr viele Dokumente bräuchten, um Afghanistan tatsächlich verlassen zu können. Neben einem Reisepass oder einem digitalen Personalausweis benötigen die Ausreisewilligen eine Bescheinigung, die bestätigt, dass sie von der Bundesrepublik Deutschland ausgeflogen werden.

Zudem seien die Grenzen zu den Nachbarländern dicht, weil der Iran und Pakistan schon so viele Geflüchtete aufgenommen hätten, dass die Länder nicht bereit seien, noch mehr Menschen aufzunehmen.

Manche derjenigen, die zurzeit um ihr Leben fürchten, überlegten, ob sie jetzt schon illegal in ein Nachbarland flüchten sollen, sagt unsere Korrespondentin.

"Ganz viele haben seit Wochen Zusagen, dass sie rauskommen können, aber vor Ort wird ihnen kaum geholfen, sodass sie überhaupt nicht mehr wissen, was sie tun sollen."
Silke Diettrich, Korrespondentin

Silke Diettrich geht davon aus, dass die Taliban-Regierung mehr mit den westlichen Ländern kooperieren werde, als sie dies in der Vergangenheit getan haben, weil die humanitäre Lage im Land schlecht sei und sie das Geld benötigten.

Taliban möchte Geschlechter in Unis und im Beruf trennen

Eine Art Geschlechter-Apartheid, die die Taliban-Regierung durchsetzen wolle, zeichne sich ab. Auch wenn in einigen Provinzen an den Universitäten auch Frauen zugelassen seien, so werde darauf geachtet, dass Männer und Frauen nicht gleichzeitig am Studium teilnehmen. Selbst wenn es Frauen in manchen Provinzen schon erlaubt sei, sich einzuschreiben, so würden religiöse Inhalte, die Scharia oder Koran gelehrt, sagt Silke Diettrich.

Auch auf der Arbeit wollen die Taliban, die Geschlechter trennen. Ob das tatsächlich möglich sei, bezweifelt Silke Diettrich. Die Realität sieht eher so aus, dass viele Frauen ihren Job schon verloren hätten.

"Aus unserem westlichen Verständnis werden sie quasi wieder in die 'Steinzeit' zurückkehren."
Silke Diettrich, Korrespondentin
  • Moderation:  Diane Hielscher
  • Gesprächspartnerin:  Silke Diettrich, Korrespondentin