Agatha Kremplewski quartiert sich für eine Woche in einem spanischen Hippie-Dorf ein. Statt auf freie Liebe und bewusstseinserweiternde Mittel trifft sie auf Murmel-Kapitalismus und biologistische Geschlechterauffassungen - aber auch: auf Offenheit gegenüber Menschen und den urteilsfreien Umgang mit Emotionen.

Irgendwie hat sie sich das anders vorgestellt. Agatha Kremplewski reist für neun Monate durch Spanien und andere Länder, als ein Kumpel sie fragt, ob sie für ein paar Tage mitkommen wolle in das Hippie-Aussteigerdorf Valle de Sensaciones, zu Deutsch: Tal der Gefühle. Agatha hat erst mal Hippie-Klischees vor Augen: linke, tolerante Menschen in Pluderhosen und Leinen, die nackt tanzen und dabei bewusstseinserweiternde Mittel nehmen. Sie ist neugierig, sagt zu, und gemeinsam trampen die beiden zwei Tage durch die Berge, bis sie endlich in dem Örtchen in der Nähe von Granada ankommen. 

"Die haben uns in Empfang genommen, wie alte Freunde."
Agatha Kremplewski über ihr Leben im Aussteigerdorf Valle de Sensaciones

Die Ankunft ist herzlich, Agatha und ihr Kumpel werden wie alte Freunde begrüßt. Es gibt Umarmungen, Gespräche und Kennenlernübungen. Das Dorf stellt sich als viel kleiner heraus, als Agatha es sich vorgestellt hat: Fünf Menschen leben hier fest, der Rest kommt und geht und bleibt mal für ein paar Wochen oder Monate. Der Ort selbst: eine Ansammlung von Wohnwagen, Baumhäusern, Höhlen und einem großen Lehmhaus, das als Gemeinschaftsraum dient. Agatha und ihr Kumpel dürfen ein Baumhaus beziehen - eine notdürftig zusammengezimmerte Hütte, die über eine Brücke zugänglich ist. Wildromantisch, beschreibt Agatha ihre Bleibe. 

Selfie von Agatha Kremplewski
© Agatha Kremplewski
Agatha Kremplewski hat eine Woche das Leben in einem Aussteigerdorf ausprobiert.

Kapitalismus und Ungleichheit im Hippie-Dorf

Direkt nach der Ankunft geht es los mit den ersten Community-Aktivitäten. Schnell merkt Agatha, dass das alternative Lebenskonzept so alternativ gar nicht ist – eher sehr rückwärtsgewandt. In der Gemeinschaft gibt es kein Bargeld, die Währung sind Murmeln. Etwa sechs bis acht Murmeln am Tag, je nach Jahreszeit, kostet das Leben in dem Dörfchen. Die Murmeln verdienen sich die Bewohner mit Arbeit. Agatha schleppt Steine für eine Sauna, klettert in einem Olivenbaum herum und schneidet Äste, jätet Unkraut, putzt, sammelt Feuerholz. 

"Ich war generell überrascht von der Geschlechterauffassung dort."
Agatha Kremplewski über ihr Leben im Aussteigerdorf Valle de Sensaciones

Die Krux: Die Gemeinschaft geht davon aus, dass Frauen weniger effizient sind, weil sie körperlich weniger leisten können – und bezahlt auch so. Agatha bekommt als Frau eine Murmel pro Stunde, Männer dagegen bekommen eineinhalb. "Hippie-Gender-Paygap" nennt sie das: "Ich hatte das Gefühl, dass es da eher so eine Rückbesinnung auf Biologie gibt, also so eine Rückbesinnung auf: das ist Frau – das ist Mann. Und dass es so in der Lebensphilosophie verankert wird: der Mann ist der Erschaffer, der Anführer, die Kraft, und die Frau ist die Empfängerin, das Irrationale, das Passive."

"Es ist natürlich ein sehr effizienzbasiertes Denken, weil sonst frierst du halt oder hast nichts zu essen oder erstickst im Dreck."
Agatha Kremplewski über ihr Leben im Aussteigerdorf Valle de Sensaciones

Agatha setzt diese Mini-Leistungsgesellschaft sehr unter Druck: Teilweise kommt sie mit der körperlichen Arbeit nicht zurecht und weigert sich aus emanzipatorischen Gründen anfangs, in der Küche zu arbeiten: "Ich hab am Anfang extrem damit gehadert. Ich dachte: Ich fahre doch nicht hier hin, um Töpfe zu putzen!" In der Konsequenz bekommt sie nicht die nötige Menge Murmeln am Tag zusammen. Eigentlich hätten alle Probleme mit den Murmeln gehabt, erzählt Agatha. 

Trotzdem hat sie auch Verständnis für diese Lebensweise: "Es kommt so ein bisschen aus der Annahme: Man lebt halt in der Wildnis. Und da geht es am Ende nicht mehr darum, wer sich am meisten angestrengt hat, sondern es geht am Ende darum: Haben wir genug Feuerholz, um über die Nacht zu kommen?"

"Man kann sich schon drauf verlassen, dass die Gemeinschaft einen auffängt."
Agatha Kremplewski über ihr Leben im Aussteigerdorf Valle de Sensaciones

Andererseits: Die Gemeinschaft lässt sie auch nicht im Regen stehen. Manche andere schenken ihr Murmeln, und die Organisatoren beruhigen sie: Sie solle sich keine Gedanken machen. Das sei ja ein Experiment - ein System, in dem man mit dem Kapitalismus spiele. Sie probieren dort eben verschiedene Lebensformen aus, räumt Agatha ein. Beim Versuch, alles von Grund auf neu zu machen, falle die Gemeinschaft offenbar in alte Muster und Klischees zurück. Trotzdem: Sie fühlt sich schlecht damit, "Almosen" zu empfangen und allein wegen ihrer körperlichen Voraussetzungen weniger für ihre Arbeit zu bekommen.

"Von der Lebenshaltung her gibt es schon ein paar Sachen, die wir uns da abschauen können. Was ich zum Beispiel schön finde, ist dieser offene Umgang mit Emotionen und dieser offene zwischenmenschliche Umgang."
Agatha Kremplewski über ihr Leben im Aussteigerdorf Valle de Sensaciones

Aber das Leben im Dorf besteht nicht nur aus Arbeit. Abends finden auch Community-Aktivitäten statt, zum Beispiel Yoga, Meditation und auch mal (endlich wird das Klischee erfüllt) eine Kuschelparty - es ging dabei nur um Nähe, betont Agatha, und habe nichts Sexuelles gehabt.

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Und Agatha nimmt auch was Positives mit: Gefühle zu zeigen ist völlig in Ordnung in der Gemeinschaft. Das sei eine wichtige Lektion für sie gewesen: Emotionen – auch negative - erst mal zu akzeptieren, nicht gleich bewerten. Und: mehr, offener und positiver auf Menschen zuzugehen.

"Verlängern wollte ich nicht. Ich war aber schon traurig als die Woche vorbei war, und gleichzeitig aber auch sehr erleichtert."
Agatha Kremplewski über ihr Leben im Aussteigerdorf Valle de Sensaciones

Als die Woche um ist, ist Agatha gleichzeitig traurig und erleichtert. Sie hat viel gelernt, die Zeit war aber auch nicht nur körperlich sondern auch emotional anstrengend. Immer hat man in der Gemeinschaft Menschen um sich, erklärt sie. Will sie noch mal zurück? Nein, sie habe ihre Lektion gelernt, meint Agatha, die sei nun auch abgeschlossen. Aber sie möchte irgendwann gerne in andere Öko-Dörfer oder Hippie-Orte, um noch weitere alternative Lebensformen auszuprobieren.

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