Unabhängig vom eigenen Geschlecht lügen Befragte, um traditionelle Rollenbilder zu bestätigen. Zwei Schweizer Ökonominnen haben das für Einkommensunterschiede bei Männern und Frauen nachgewiesen.

Zwei Ökonominnen der Uni Basel kommen in einer Studie zu dem Ergebnis, dass viele Paare in Umfragen zum Einkommen systematisch falsche Angaben machen. Anja Roth und Michaela Slotwinski haben dazu Daten aus der Schweiz untersucht.

Sie haben festgestellt, dass Befragte bei den Gehaltsangaben um durchschnittlich zehn Prozent von der statistischen Realität abweichen. Und zwar so, dass sie dem klassischen Familienbild und der traditionellen Rollenaufteilung entsprechen. Eine relevant hohe Zahl von Frauen gibt demnach an, weniger als ihr Mann zu verdienen - obwohl das gar nicht stimmt.

Falsche Antworten, verfälschtes Ergebnis

Im Vergleich mit den tatsächlichen Zahlen - die Wissenschaftlerinnen haben sie bei den Finanzbehörden abgefragt - hat sich gezeigt, dass manche Frauen ein höheres Gehalt hatten als ihr Mann. In den Umfragen war das in jedem dritten Fall nicht richtig angegeben worden. Dabei mogelten nicht nur die Männer. Zu einem gleichen Teil gaben auch die Frauen ein falsches Gehalt an.

"Gerade wo der Verdienstunterschied nicht sehr groß ist, geben die Frauen ihr eigenes Gehalt als geringer an als das ihres Partners. Die Männer geben an, dass sie mehr verdienen. Beide lügen."
Tina Howard, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Laut Forscherinnen wurden vor allem dann falsche Angaben gemacht, wenn das klassische Männerbild durch die Realität widerlegt wurde. Zum Beispiel, wenn die Frau trotz schlechterer Ausbildung mehr verdiente als der Mann oder für das gleiche Geld weniger arbeiten musste.

Gender Pay Gap

Die durchschnittliche Verdiensthöhe ist je nach Geschlecht unterschiedlich. Der Ausdruck Gender Pay Gap problematisiert diesen Unterschied. Er wird als Verdienstlücke und als Ungerechtigkeit charakterisiert.

In der Schweiz liegt der statistisch errechnete Gender Pay Gap bei 17,4 Prozent – der Abstand zwischen den Mittleren Einkommen hat sich in den vergangenen Jahren langsam verringert. Also verdienen Frauen dort im Schnitt 17,4 Prozent weniger brutto als Männer. In Deutschland beträgt der Gender Pay Gap 21 Prozent. Dieser Wert ist seit den 90er Jahren beinahe unverändert.

Frauen: Mehr Teilzeit und schlecht bezahlte Berufe

Bei diesen Zahlen handelt es sich allerdings um unbereinigte Werte. Das bedeutet, dass der Vergleich über unterschiedliche Qualifikations- und Berufsgruppen hinweg geführt wird. Das hat ganz unterschiedliche Gründe: Frauen machen länger Elternzeit, arbeiten eher Teilzeit, übernehmen mehr Pflegeaufgaben, arbeiten in so genannten Frauenberufen, die im Schnitt schlechter bezahlt werden.

Beim unbereinigten Gender Pay Gap ist Deutschland europäisches Schlusslicht. Nur Tschechien und Estland weisen höher Werte aus.

Bereinigt lag der Wert in Deutschland 2014 laut Angaben des Statistischen Bundesamt bei rund sechs Prozent. Wenn also Art der Tätigkeit und Art der Qualifikation und Arbeitszeiten bei Frauen und Männern berücksichtigt werden, haben Männer unerklärte sechs Prozent mehr verdient als Frauen.

Equal Pay Day im März

Der Verdienstabstand ermittelt in Deutschland das Statistische Bundesamt. Die Behörde greift dabei auf Daten von sozialversichert Beschäftigten zurück und nicht auf Umfragen. In Deutschland ist der Equal Pay Day am 17.03.2020.

"Equal Pay Day ist der Tag bis zu dem Frauen im übertragenden Sinne für umsonst gearbeitet haben, um mit der gleichen Anzahl von Arbeitsstunden wie Männer auf das gleiche Gehalt zu kommen."
Tina Howard, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin
Shownotes
Verdienstangaben
Lügen für die Ehre des Mannes
vom 12. Februar 2020
Moderator: 
Paulus Müller
Gesprächspartnerin: 
Tina Howard, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin