Menschen, die Anschläge – wie zuletzt in Hanau – verüben, sind oft zuvor im Netz aktiv. Die von ihnen veröffentlichten Dokumente und Videos sind in vielen Fällen auch Jahre später noch im Netz zu finden, denn löschen lassen sie sich nur bedingt.

Viele der Informationen, die es bisher zu den Hintergründen des Anschlags in Hanau gibt, werden über das Internet verbreitet. Wir wissen: Der mutmaßliche Täter des Anschlags in Hanau war im Netz aktiv. Das 24-seitige Schreiben hat er beispielsweise auf seiner eigenen Homepage veröffentlicht, ein englischsprachiges Video hat er vor knapp einer Woche auf seinem Youtube-Kanal hochgeladen. Die Inhalte: rassistische Erklärungen und Verschwörungstheorien, wie tagesschau.de berichtet.

Inhalte bleiben durch Teilen, Archivieren und erneute Uploads im Netz

Das Problem ist nicht neu; auch nachdem ein Anschlag verübt wurde, bleibt die Propaganda im Netz. Dort bekomme man es nicht raus, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Andreas Noll. Zwar ist im Fall von Hanau die Internetseite des mutmaßlichen Täters als Domain gelöscht, sein Textdokument ist hingegen in Archiv-Bibliotheken des Internets weiterhin abrufbar.

"Das ist ein großes Problem bei solchen Anschlägen, dass man die Propaganda nicht aus dem Netz bekommt."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Den Youtube-Kanal des mutmaßlichen Täters hat Google am Donnerstagmorgen (20.02.2020) gesperrt. Mithilfe eines digitalen Fingerabdrucks des Videos hat Google das erneute Hochladen des englischsprachigen Videos auf Youtube verhindert.

Plattformen können Verbreitung nicht verhindern

Facebook und Instagram zogen nach, weil Userinnen und User das Video des mutmaßlichen Täters dort zwischenzeitlich veröffentlicht hatten. "Die Verbreitung ihrer Propaganda ist ja ein Ziel von Attentätern. Insofern spielt das Teilen dieser Texte und Videos den Tätern in die Hände", sagt Andreas Noll. Bei Twitter würde das Löschen solcher Inhalte beispielsweise nur begrenzt funktionieren.

Ähnlich sieht es bei vergangen Anschlägen aus: Auch zum Attentat auf der norwegischen Insel Utoya im Sommer 2011 gab es ein Schreiben des mittlerweile verurteilten Attentäters. Und auch dieses Textdokument ist heute im Netz auffindbar.

Keine Hinweise auf Inszenierung wie Computerspiel

Anders als zu den Anschlägen in Halle, Christchurch oder auch Utoya, scheint es nach dem bisherigen Informationsstand keine Hinweise zur Gamer-Szene und sogenannten Imageboards zu geben. "Man muss mit Vergleichen sicher sehr vorsichtig sein, aber im Gegensatz zum Anschlag von Halle oder auch Christchurch wollte der mutmaßliche Täter von Hanau seine Tat wohl nicht in der Art eines Computerspiels inszenieren", erklärt Andreas Noll.

Verhalten der Sicherheitsbehörden

Es stellt sich weiterhin die Frage inwiefern die Sicherheitsbehörden vor einem Anschlag auf Inhalte, wie das 24-seitige Schreiben oder das Video, aufmerksam werden können. Denn: "Das Netz ist voll von absurden Verschwörungstheorien", sagt der Netzreporter. Eine polizeiliche oder geheimdienstliche Beobachtung allein auf Basis einer Veröffentlichung über Verschwörungstheorien sei eine extrem weitgehende Schlussfolgerung. "Zumal man ganz klar sagen muss, dass das Video, aber auch das 24-seitige Textdokument auf der Homepage, den Anschlag nicht angekündigt haben", fügt er hinzu.

"Das Video, aber auch das 24-seitige Textdokument auf der Homepage, haben den Anschlag nicht angekündigt. Video und Textdokument enthalten auch kein Bekenntnis zu der Tat. "
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Für Gewaltforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld braucht es hingegen eine verschärfte Haltung seitens der Behörden. Er ist der Meinung, dass "Behörden in diesem Bereich intelligenter werden" müssten.

Klickt auf den Playbutton, um das gesamte Gespräch mit Andreas Zick zu hören.
"Behörden müssen Rassismus und menschenfeindlichen Muster viel ernster nehmen. Sie müssen in diesem Bereich intelligenter werden."

Zudem beobachtet der Gewaltforscher, dass Täterinnen und Täter Teile einer großen Gemeinschaft sind. In diesem Netzwerk würden sie miteinander diskutieren und würden auch Ideologien austauschen.

Andreas Zick verweist dabei auf Anschläge in der Vergangenheit, zum Beispiel das Verhaltensmuster des Täters beim Attentat auf der norwegischen Insel Utoya: "Auch Breivik hat sich vor seiner Tat vollkommen zurückgezogen und erschien wie ein einsamer Wolf, aber im Vorfeld hat er diskutiert, hat ein Manifest geschrieben, hat mit anderen geredet. Und wir werden auch wahrscheinlich bei diesem Täter – wenn gut genug und sauber genug analysiert wird – sehen, mit wem er vorher agiert hat", erklärt er. Gleichzeitig betont er auf die Schwierigkeit, Motive mutmaßlicher Täter im Nachhinein zu analysieren, wenn diese verstorben sind.