Die meisten von uns lassen ihre Handys nachts wahrscheinlich neben dem Bett am Ladekabel hängen. Lautlos, im Flugmodus oder ganz aus. Ihr könnt es aber auch auf die Fensterbank legen – für die Wissenschaft, genauer gesagt für eine bessere Wettervorhersage. Das Ganze ist ein Projekt der Europäischen Weltraumagentur ESA, das sich an alle Android-Nutzer:innen richtet.

Unser Netzreporter Andreas Noll macht schon mit: Er hat sich die Camaliot-App runtergeladen und legt sein Android-Handy nachts auf die Fensterbank. Dort sammelt es fleißig Daten von Navigationssatelliten – amerikanische GPS-Daten oder europäische Galileo-Daten zum Beispiel – und stellt sie danach anonymisiert der Wissenschaft zur Verfügung.

Störungen in der Atmosphäre finden

Die europäische Raumfahrtagentur ESA hat vor einigen Tagen zu dieser Crowdsourcing-Aktion aufgerufen, um damit die Genauigkeit von Wettervorhersagen zu erhöhen. Dabei geht es um Störungen in der Atmosphäre: Die Ortungssignale der Satelliten werden auf dem Weg zur Erde nämlich zum Beispiel durch Wasserdampf verändert. Auch die elektrisch geladenen Teilchen der oberen Atmosphäre haben einen Einfluss auf die Signalstrecke.

"Die Camaliot-App zeichnet Satellitendaten auf, die Aufschluss über den Zustand der Erdatmosphäre geben, und stellt sie der Wissenschaft zur Verfügung."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Handys gleichen mehrere Frequenzen ab, um eine genaue Ortung zu erhalten. Die Rohdaten der Satelliten geben Aufschluss über den Zustand der Erdatmosphäre. Die Camaliot-App zeichnet diese Daten auf dem Handy auf und stellt sie der Wissenschaft zur Verfügung, die damit bislang unbekannte Muster in der Atmosphäre entdecken will.

Erfolg, wenn viele mitmachen

Wenn das Projekt erfolgreich ist – wenn also genug Menschen mitmachen – haben Meteorolog:innen durch die Daten zum Beispiel bessere Möglichkeiten, Tiefdruckgebiete zu erkennen, also präziser sagen zu können, wann es bei uns regnet.

"Je mehr Menschen bei dem Projekt mitmachen, desto besser – denn dann fallen viele Daten an."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Wer sich die Forschungsapp runterlädt und sie installiert, bekommt nach dem Start Hinweise: Man soll das Handy an einen Ort legen, an dem es einen direkten "Blick" in den Himmel hat. Dann soll man die Aufzeichnung starten und das Gerät nicht mehr bewegen. Während die App läuft, ist zu sehen, wie viele Satelliten das Handy gerade empfängt.

GPS, Gallileo, Glonass, Beidou

Bei unserem Netzreporter sind es jeden Abend mehr als ein Dutzend: die US-amerikanischen GPS-Satelliten, die Galileo-Satelliten der EU, Glonass von den Russen und Beidou von den Chinesen. Sobald man den Prozess startet, generiert das Handy in kurzer Zeit Hnderte Datensätze, die dann am Ende der Aufzeichnung in die Cloud geladen werden – und dort hoffentlich der Wissenschaft helfen.

Nutzer:innen von Apple-Smartphones bleiben außen vor. Die Forschungsapp läuft nur auf kompatiblen Android-Handys. Beim Gerät unseres Netzreporters hat das aber direkt geklappt. Eine Dauereinrichtung ist das Ganze übrigens nicht: Die Crowdsourcing-Aktion geht nur bis Mitte des Jahres. Danach wird die App von der ETH Zürich, die sie mitentwickelt hat, wieder deaktiviert.

Nur für Android-Smartphones

In den Foren von IT-Seiten wurde in den ersten Tagen darüber berichtet, dass manchmal der Upload der Daten nicht funktioniert hat. Vielleicht hat das damit zu tun, dass tatsächlich sehr viele Menschen das Projekt unterstützen wollen, glaubt unser Netzreporter. Als er heute Morgen die Daten von seinem Smartphone hochgeladen hat, waren dort in der Rangliste mehr als 3000 Usernamen mit Datensätzen vorhanden.

Um den Anreiz zu steigern und damit die Datenfülle zu vergrößern, werden unter den Teilnehmenden Gewinne verlost, unter anderem Handys. Vielleicht hat auch das dazu geführt, dass schon in den Anfangstagen relativ viele Menschen mitmachen wollten.

Shownotes
Crowdsourcing-Projekt der ESA
Per App Satellitendaten für präzisere Wetterberichte sammeln
vom 29. März 2022
Moderation: 
Diane Hielscher
Gesprächspartner: 
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter