In Armut groß zu werden, war für Olivier David zunächst normal. Erst später merkte er, dass andere Eltern sich keine Gedanken machen, wie sie mit 30 Euro die letzten Tage des Monats rum kriegen. Der Autor hat seine Geschichte und seine Erfahrungen im Buch "Keine Aufstiegsgeschichte - warum Armut psychisch krank macht" verarbeitet und berichtet im Gespräch von vielen Schammomenten.

Anfang der 1990er Jahre wächst Autor Olivier David bei seiner Mutter in Hamburg auf. Die Familie von Olivier ist arm. Seiner Mutter ist es wichtig, dass ihr Kind mehr Chancen durch Bildung bekommt. Deswegen geht Olivier David auf eine private Waldorfschule. Die Kosten werden zum Großteil übernommen – und seine Mutter schafft es, den kleinen Rest trotz HartzIV-Einkommen aufzubringen.

"Ich bin nicht aufgewachsen und habe ständig gedacht, dass wir arm sind. Ich habe gedacht, das ist normal, dass zu Hause öfter gefragt wird, wie kommen wir durch den Monat."
Olivier David über seine Gedanken als Kind

Als Kind reflektiert Olivier noch nicht so viel – anders ist es in seiner Jugend. Da fällt es ihm auf, dass weder Geld für einen Fernseher, Markenklamotten oder den Besuch auf der Kirmes da ist. Während die anderen sich nachmittags verabreden, erfindet Olivier Ausreden, warum er nicht dabei sein will. Dabei wäre er gerne mitgegangen, erzählt er heute. Es war aber kein Geld für diese Unternehmungen da – also grenzte er sich gewissermaßen selbst aus.

Armut schafft Probleme in der Jugend

In der Schule gibt es immer wieder Probleme. Die Lehrer wissen nicht, wie sie mit ihm umgehen sollen. Er wird aggressiv, aus Wut und Verzweiflung über seine Situation schlägt er sich, ist laut und wird häufig aus dem Klassenzimmer geschmissen.

"Ich habe mich sehr geschämt für die Verhältnisse aus denen ich komme und habe auch mit Wut reagiert, weil ich das ungerecht fand."
Olivier David über seine Gefühle als Teenager

Inzwischen weiß Olivier, was genau hinter seinen Verhaltensauffälligkeiten in der Schulzeit steckt. Ihm wurde ADHS und eine Depression diagnostiziert. Er erklärt in seinem Buch ebenfalls, dass es natürlich genetisch keinen Zusammenhang zwischen Armut und psychischen Krankheiten gibt. Aber Menschen, die in Armut leben, haben generell einen erhöhten Druck in ihrem Leben und mehr Stress und Existenzängste. Daher, sagt Olivier, kommt es schneller zu psychischen Erkrankungen.

"Menschen, die die ganze Zeit persönliche Brände löschen müssen, haben einfach keine Ressourcen, eine Therapie zu machen."
Olivier David über die Hintergründe von psychischen Krankheiten von armen Menschen

Seine eigene Mutter hat ebenfalls psychische Probleme und macht erst mit über 40 Jahren eine Therapie, weil vorher keine Zeit dafür da ist.

Aufstieg auch ohne Geld

Olivier David geht ohne Fachabitur von der Schule ab. Zunächst heißt das für ihn, dass er einfach irgendwie Geld verdienen muss. Für mehrere Jahre arbeitet er in einem Supermarkt und fühlt sich schon mit Mitte zwanzig wie ein alter Mann.

"Ich habe nicht aufgehört danach zu streben, dass ich etwas finde, was ich gerne machen möchte."
Olivier David über seine Motivation

Er muss etwas ändern und entscheidet sich dazu, seinen Job zu schmeißen und danach zu suchen, was ihn innerlich zufrieden machen könnte. Nach einer Ausbildung als Journalist versucht er sich dieses Standbein aufzubauen. Schreiben ist seine Leidenschaft und aus diesem Grund verarbeitet er seine Erlebnisse jetzt in seinem ersten Buch "Keine Aufstiegsgeschichte– warum Armut psychisch krank macht".

Auch wenn Olivier David mit seinem Einkommen aktuell immer noch an der Armutsgrenze kratzt, ist er dennoch entspannter. Er sagt selbst, dass er einen Job macht, der ihn erfüllt und das gibt ihm Raum, sich jetzt auch um seine mentalen Probleme zu kümmern und nicht mehr nur über das Geld nachzudenken.

Kraftakt Armut überwinden

Als Gast bei Sebastian Sonntag erzählt Olivier David eine Stunde lang, wie es sich angefühlt hat, als Kind in einer armen Familie aufzuwachsen. Er beschreibt wie seine Eltern in diese Situation geraten waren und wie sich dieser Zustand der Armut auf ihn körperlich ausgewirkt hat.

Olivier David merkt, dass er sein Leben lang immer wieder an "eine gläserne Decke stößt". Für ihn ist das Leben mit Anfang 20 alles andere als leicht, während Gleichaltrige positiv und mit viel Energie in die Zukunft blicken.
Olivier David im Gespräch mit Sebastian Sonntag
"Man will sich nicht selbst als arm in einer Welt bezeichnen, in der das Narrativ ist: Wenn du arm bist, dann hast du irgendwo auch selber ein bisschen Schuld."

Im Gespräch erzählt Olivier David wie viel Energie es braucht, um aus dieser Armut herauszukommen. Auch heute noch, nachdem er das Buch geschrieben hatte, beschäftigt ihn diese Armut sehr, in der er aufgewachsen ist und die sein heutiges Leben immer noch prägt.