Am 25. April 1990 wird Oskar Lafontaine bei einer Wahlkampfveranstaltung durch einen Angriff verletzt. Wenige Monate später auch Wolfgang Schäuble. 25 Jahre danach ergeht es Henriette Reker ähnlich. Sie alle überleben die Attentate und arbeiten anschließend weiter in der Politik.

Der 25. April 1990 ist ein langer Tag für den SPD-Spitzenkandidaten Oskar Lafontaine. Im Bundestagswahlkampf kämpft der Politiker am Abend in der Köln-Mülheimer Stadthalle vor mehreren Hundert Menschen um Stimmen für die SPD. Die deutsche Einheit und ihre Finanzierung sind seine stärksten Themen. Der Großteil des Publikums sind Anhängerinnen und Anhänger der SPD: Für sie ist klar, wen sie wählen.

Eine Person fällt Oskar Lafontaine während seiner Rede besonders auf. Nah am Rednerpult sitzt eine Frau mit einem blass gepuderten Gesicht, kräftig nachgezogenen Augenbrauen und roten Lippen in einem weißen Kleid.

Gefahr als SPD-Anhängerin getarnt

Eine potenzielle Wählerin denkt er im Anschluss an die Veranstaltung, als die meisten Besucher die Stadthalle schon wieder verlassen haben und eben diese Frau auf ihn zukommt. Sie hält Blumen und einen Block für Autogramme in der Hand.

Die Ordner erkennen die Gefahr nicht und lassen Adelheid Streidel zu Oskar Lafontaine und dem neben ihm stehenden NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau. Sie reicht den beiden je einen Blumenstrauß und hält Oskar Lafontaine ihren Block hin. Während der SPD-Politiker nach einem Kugelschreiber sucht, sticht sie ihm mit einem Fleischermesser in den Hals.

Lafontaine überlebt trotz Lebensgefahr

Oskar Lafontaine bricht zusammen. Während sich Ordnungskräfte auf die Frau mit dem Messer stürzen, helfen schnell herbeigerufene Sanitäter dem Politiker. Er hat Glück: Die Klinge der Attentäterin verfehlt die innere Halsschlagader um wenige Millimeter. Obwohl er viel Blut verliert, überlebt Oskar Lafontaine das Attentat der geistig verwirrten Frau und setzt seinen Wahlkampf nach einer Genesungszeit weiter fort. Seitdem aber begleitet ihn die Nervosität, wenn er vor größeren Menschenansammlungen steht.

Ihr hört in Eine Stunde History:

  • Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker wurde kurz vor ihrer Wahl im Oktober 2015 bei einem Wahlkampfauftritt lebensgefährlich verletzt. Sie erinnert sich an jenen Tag.
  • Der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick erläutert, wie sich Gewalt gegen Kommunalpolitiker und Personen des öffentlichen Lebens gesteigert hat.
  • Leif Kramp ist Kommunikationswissenschaftler an der Universität Bremen und beschäftigt sich mit den sprachlichen Verrohungen im Internet und der tatsächlichen Gewalt im öffentlichen Leben.
  • Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld blickt zurück auf Attentate in der Geschichte von den Tyrannenmorden in der Antike bis zu den politische motivierten Gewalttaten des "Deutschen Herbstes" 1977.
  • Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Wiebke Lehnhoff blickt auf den Abend, an dem das Attentat auf den damaligen SPD-Spitzenpolitiker Oskar Lafontaine verübt wurde, zurück.