Spätestens seit 1969 geht es an deutschen Schulen auch um sexuelle Aufklärung. Seitdem sind manche Diskussionen in den 60er-Jahren stehen geblieben, andere Aspekte haben sich weiterentwickelt. In dieser Ausgabe Eine Stunde Liebe geht es um die Sexualaufklärung von heute und das Gesundheitsrisiko, das entstehen kann, wenn sie fehlt.

Nachdem in der DDR schon seit 1947 im Bio-Unterricht "Fortpflanzung" gelehrt wurde, war Sexualpädagogik 1969 mit dem "Sexualkunde-Atlas" auch in westdeutschen Schulen angekommen. Über 50 Jahre später könnte man denken, dass sich seitdem einiges getan hat hinsichtlich Sexualaufklärung – das stimmt aber nur zum Teil.

Stehengebliebene Sexualaufklärung

"Würde ich meiner 14-jährigen Tochter nicht in die Hand geben", hat damals Hildegard Hamm-Brücher (FDP) zum Sexualkunde-Atlas gesagt. Sie war zu der Zeit Staatssekretärin im hessischen Kultusministerium. Politische Stimmen wie ihre und auch die von Eltern, die finden, Sexualaufklärung sei kein Thema für den Schulunterricht, gibt es heute genauso wie früher.

Wandel für mehr Vielfalt

Auf der anderen Seite hat sich sehr wohl etwas bei der Sexualaufklärung getan – zum Beispiel auf dem Buchmarkt. Aufklärungsbücher sind heute vielfältiger als früher und beziehen nicht nur Körperlichkeiten und Sex an sich mit ein, sondern gehen auch auf den Umgang mit sexueller Gewalt oder LGBTQIA+-Themen ein.

"Frühsexualisierung" und andere ideologisch gefärbte Befürchtungen

Die Autorin Kathrin Köller und die Illustratorin Irmela Schautz haben mit "Queergestreift – Alles über LGBTQIA+" ein Aufklärungsbuch über Queerness herausgegeben. Die Befürchtung, dass Kinder und Jugendliche durch sexuelle Aufklärung oder die Thematisierung in Büchern, Filmen oder Serien verunsichert oder sogar in ihren sexuellen Vorlieben beeinflusst werden könnten, sehen sie als ziemlich unwahrscheinlich an.

"Es ist überhaupt nicht so, dass jemand schwul gemacht werden könnte, dass jemand trans gemacht werden könnte, bloß weil er irgendeine Serie guckt."
Kathrin Köller, Autorin

Begriffe wie "Frühsexualisierung" werden im Zusammenhang mit sexueller Aufklärung vor allem von rechtsextremen, rechtspopulistischen, konservativen und/oder christlich-fundamentalistischen Menschen genutzt. Dahinter stecke die scheinbare Sorge, Kinder und Jugendliche würden durch Aufklärung beziehungsweise Beschäftigung mit Sexualität überfordert.

Oft werde hierbei auch das Bild der besorgten Eltern gezeichnet, die wollen, dass ihre Kinder in Unschuld aufwachsen. Faktisch stecke dahinter aber eine Abwertung sexueller Vielfalt und von Sexualität, die nicht auf die Fortpflanzung zwischen cis Männern und cis Frauen ausgelegt ist.

Die Behauptung, progressive Sexualaufklärung würde zu mehr nicht-heterosexuellen Menschen in der Gesellschaft führen, ist auch statistisch gesehen falsch. Kinder aus Regenbogen-Familien sind zum Beispiel nicht öfter selbst queer als der Durchschnitt der Bevölkerung.

In dieser Episode Eine Stunde Liebe klären wir unter anderem, was sich in Sachen Aufklärungsliteratur seit dem ersten Sexualkunde-Atlas 1969 getan hat und warum fehlende Sexualaufklärung auch zum Gesundheitsrisiko werden kann.