Vor allem in Berlin, aber auch in anderen deutschen Städten sind an Silvester Rettungskräfte, Feuerwehr und Polizei mit Feuerwerkskörpern beschossen worden. Das Phänomen gibt es seit Jahren. Woher kommt die Gewalt?

Die Silvesternacht sorgt weiter für Diskussionen. Neben der Debatte um ein allgemeines Böllerverbot versuchen einzelne Stimmen inzwischen auch eine Debatte über Migration und Integration zu führen.

"Bei vielen Einsatzkräften ist der Eindruck vorherrschend, dass Gruppen junger Männer mit Migrationshintergrund bei diesen Ausschreitungen weit überrepräsentiert sind", hat zum Beispiel der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, gegenüber Focus Online gesagt.

Andreas Zick, Professor für Konflikt- und Gewaltforschung von der Universität Bielefeld sagt: "Es gibt absolut kein Zeichen, dass da eine migrantische Community aktiv ist. Die meisten Gruppen sind vollkommen heterogen. Es sind viele dabei, die schlichtweg einen deutschen Pass haben und hier aufgewachsen sind."

Das Phänomen ist vielschichtig. Die Ruhr-Uni Bochum hat die Gewalt gegen Rettungskräfte, Feuerwehr und Polizei in den letzten Jahren mehrfach untersucht.

  • Sehr oft sind die Täter männlich.
  • Viele der Gewalttätigen sind betrunken oder auf anderen Drogen.
  • Bei Angriffen auf Sanitäter*innen sind es oft die Patienten selbst, die gewalttätig werden, weil sie nicht gerettet werden wollen – laut dem Deutschen Roten Kreuz in rund 80 Prozent der Fälle.
  • An Silvester kommen noch andere Faktoren dazu, eine aufgeheizte Stimmung in einer großen Gruppe zum Beispiel.
"Wir haben es hier mit Teilen der Bevölkerung zu tun, die dem Staat – und auch den Vertretern des Staates – distanziert gegenüberstehen. Die nicht recht erkennen, wie wichtig es ist, gewisse Normen in Bezug auch auf Gewalt einzuhalten."

Die meisten Rettungskräfte geben an, schon einmal gewaltsam angegangen worden zu sein. Dabei wird zwischen verbaler Gewalt (jemanden mit Worten beleidigen), nonverbaler Gewalt (jemandem den Mittelfinger zeigen) und körperlicher Gewalt unterschieden. In ihrer Ausbildung werden Einsatzkräfte oft darauf vorbereitet, mit solchen Konfliktsituationen umzugehen.

Intensität der Attacken nimmt zu

Über 2000 Angriffe auf Feuerwehr und Rettungsdienste gibt es laut Bundeskriminalamt jedes Jahr. Und das sind nur die, die auch gemeldet werden. Bei den Angriffen auf Polizist*innen hat das Problem eine neue Dimension angenommen, hat Konstantin Kuhle, der stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion für Innenpolitik, im Deutschlandfunk gesagt.

"Wer sich mit Polizeibeamten unterhält, kriegt deutlich zurückgemeldet, dass die Formen der Respektlosigkeit und Gewalttätigkeit in den letzten Jahren zugenommen haben."
Andreas Zick, Professor für Konflikt- und Gewaltforschung
"Schon im Vorfeld gab es Anzeichen für Aggressivität, da staut sich was an. Und wenn sonst keine Party stattfindet, dann wird halt gezündet."

Seit 2017 gibt es schärfere Straftatbestände für Angriffe auf Rettungs- und Sicherheitskräfte, es drohen bis zu fünf Jahre Haft. Wirklich geholfen hat das aber offenbar wenig – gerade bei Menschenmassen ist es oft schwierig, genau ausfindig zu machen, wer sich wie verhalten hat.

Die Deutsche Feuerwehrgesellschaft fordert Dashcams in Einsatzfahrzeugen, also Kameras hinter der Windschutzscheibe, die Angriffe besser dokumentieren könnten. Und in Berlin sind Feuerwehr und Polizei gerade mit rund 300 Bodycams ausgerüstet – der Test soll zeigen, ob die Kameras dabei helfen können, Angreifer abzuschrecken. Datenschutzrechtlich sind die Kameras umstritten.

Diese aufgeheizte Stimmung richtet sich oft gegen den Staat, hat der Sozialpsychologe Ulrich Wagner im ZDF erklärt: Feuerwehr, Polizei und Rettungskräfte werden als Repräsentanten dieses Staates angegriffen – obwohl das zum Beispiel auf die Sanitäter*innen überhaupt nicht zutrifft.

  • Moderation:  Sebastian Sonntag
  • Gesprächspartner:  Nik Potthoff, Deutschlandfunk Nova