Egal ob Schnupfen oder Lungenentzündung - Bakteriophagen sind eine Allzweckwaffe gegen Keime. Die Viren dringen in Bakterien ein und töten sie ab. Auch gegen multiresistente Keime, bei denen kein Antibiotikum mehr hilft, können Bakteriophagen zum Einsatz kommen. Für menschliche oder tierische Zellen sind die Bakterienkiller ungefährlich. In Deutschland steht ihrer Anwendung aber noch einiges im Weg.

Bisher galt: Wer einen bakteriellen Infekt hat und ihn nicht mehr los wird, der nimmt ein Antibiotikum. Antibiotika haben allerdings ein paar Nachteile: Sie machen nicht nur die Bakterien platt, die die Krankheit hervorgerufen haben, sondern auch viele andere, wichtige Bakterien in unserem Körper. Durch die massenhafte Anwendung von Antibiotika entstehen multiresistente Erreger, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft. 

Bakterien gezielt ausschalten

Bakteriophagen können stattdessen ganz gezielt auf Bakterien angesetzt werden: "Für jeden Typ von Bakterien gibt es die passenden Phagen dazu", sagt Mikrobiologe Wolfgang Beyer.

"Mit Bakteriophagen kann man genau das machen, was wir uns in der westlichen Medizin seit vielen Jahren wünschen: eine personalisierte Behandlung."
Wolfgang Beyer, Mikrobiologe

In Ländern wie Georgien und anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion werden solche Phagen schon routinemäßig seit Jahrzehnten eingesetzt, erzählt Wolfgang Beyer. Der Mikrobiologe hat sich in Georgien zeigen lassen, was die Viren alles können. Dort werden Phagen-Mischungen in Apotheken zum Beispiel gegen Schnupfen verkauft.

Kompliziertere Infektionskrankheiten können außerdem individuell behandelt werden: Dafür werden die Bakterien eines Patienten isoliert und gezüchtet. Anschließend können die Ärzte testen, welche Bakteriophagen für eine Behandlung geeignet sind.

Deutschland hinkt hinterher

In Deutschland hat sich die Medizin vor allem auf Antibiotika konzentriert, sagt Wolfgang Beyer. Um die Bakteriophagen haben sich bislang nur wenige Wissenschaftler gekümmert. Um das zu ändern, hat der Mikrobiologe zusammen mit Kollegen das Erste Deutsche Phagen Symposium veranstaltet, um über weitere Entwicklungen zu beraten.

"Bakteriophagen sind wahrscheinlich die am weitesten verbreitete Lebensform auf unserem Planeten."
Wolfgang Beyer, Mikrobiologe

Berechnungen zufolge gibt es zehn Mal mehr Bakteriophagen auf der Erde als Bakterien. Um die Phagen richtig einsetzen zu können, bauen Forscher an der Deutschen Sammlung für Mikroorganismen und Zellkulturen eine Phagen-Datenbank auf.

Bakteriophagen sind als Arznei in Deutschland nicht zugelassen

Doch noch sind Bakteriophagen bei uns nicht als Arznei im Einsatz. Anders als chemische Arzneimittel sind Bakteriophagen ein sich veränderndes, lebendes System. Das bedeutet, dass sich das einmal zugelassene Pharmazeutikum im Laufe einer Therapie verändern kann. Und auf sowas seien die deutschen Zulassungsverfahren für Medikamente nicht ausgerichtet, so Wolfgang Beyer.

"Das Problem ist, dass es ein Vakuum gibt zwischen denjenigen, die die Bakteriophagen anwenden wollen und den Zulassungsbehörden."
Wolfgang Beyer, Mikrobiologe

Ein weiteres Hindernis für die Zulassung von Bakteriophagen sind die erforderlichen Studien - die sind sehr teuer. Die großen Pharma-Konzerne halten sich bisher zurück. Und die kleinen Pharmaunternehmen, die ein Interesse an der Entwicklung hätten, können sich die Studien derzeit nicht leisten. Wolfgang Beyer sagt, dass das wahrscheinlich daran liegt, dass sich die Pharmaunternehmen nicht sicher sind, ob sie das investierte Geld durch den Verkauf der Bakteriophagen wieder rein bekommen.

"Da fehlt der politische Druck."
Wolfgang Beyer, Mikrobiologe

Es ist aber höchste Zeit, nach Alternativen zu Antibiotika zu suchen. Nach Berechnungen des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten sterben in der EU jährlich 25.000 Menschen an bakteriellen Infektionen, gegen die kein Antibiotikum mehr wirkt. Weltweit sind etwa 700.000 Menschen davon betroffen. Bakteriophagen könnten da eine Alternative sein - oder auch in Kombination mit Antibiotika eingesetzt werden.

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