Jahrelang wird Ben Smith gemobbt. Dann fängt er an zu laufen. Daraus entsteht eine ausgefallene Idee, um anderen Mobbingopfern zu helfen.

Die Distanz eines Marathons beträgt 42,195 Kilometer. So weit, so kurz: Für den Briten Ben Smith war das zu wenig. Darum ist der 34-Jährige seit dem 1. September 2015 an 401 Tagen 401 Marathons gelaufen - eine Strecke von insgesamt rund 17.000 Kilometern. Das entspricht in etwa der Entfernung von London nach Sidney. Während seiner The 401 Challenge durchlief Smith insgesamt 309 verschiedene Orte in Großbritannien. Am 5. Oktober 2016 überquerte Smith dann zum letzten Mal die Ziellinie in seiner Heimatstadt Bristol.

Mit dieser Aktion hat Smith einen Weltrekord aufgestellt, doch der ist für ihn eher zweitrangig. Neben der Überwindung der Distanz hat Smith auch sein ursprünglich ausgerufenes Ziel der Aktion erreicht und mit seinem 401-Marathons-Lauf über 250.000 Pfund Spenden für Stonewall und Kidscape eingesammelt. Beide Organisationen setzen sich für Mobbingopfer ein.

Ein Lauf gegen Mobbing

Smith weiß, wie es ist, über lange Zeit böse gehänselt zu werden: "Ich wurde acht Jahre meines Lebens gemobbt, und das hatte schwere Auswirkungen auf mein Selbstbewusstsein“, sagte der Brite dem Guardian. Er sei in dieser Zeit sehr unglücklich und traurig gewesen, habe ungesund gelebt, viel getrunken, geraucht und sei auf Grund seines damaligen Übergewichts "nicht einmal in der Lage gewesen, hinter einem Bus herzurennen." Dann habe ein Freund ihn ermutigt, mit zu einem Lauftreff zu kommen. "Seitdem hat sich mein Leben dramatisch verändert", sagt Smith. Er erholte sich und entwickelte die Idee der "401 Challenge", um in Großbritannien auf das Thema Mobbing aufmerksam zu machen.

Dabei bekam Smith viel Unterstützung: Von seinen Eltern und seinem Lebensgefährten Kyle Waters, der seinen Job und seine Promotion hinwarf, um seinen Partner zu managen. An der Strecke hefteten sich immer wieder andere Läufer an die Fersen des Langstreckenläufers, im Netz motivierten Menschen Smith, durchzuhalten oder bedankten sich für sein Engagement. Während der gesamten Zeit stand dem Briten ein großes Team von Sponsoren, Kooperationspartnern und Medizinern zur Seite. Smith hatte öfters mit Knie- und Fußverletzungen zu kämpfen und musste zwischendurch sogar zehn Tage lang pausieren - die fehlenden Kilometer holte er an anderen Tagen auf.

Wer so viel läuft, bekommt gesundheitliche Probleme

Den Kölner Sportmediziner Oliver Tobolski wundert das nicht. Er verweist auf einen Leitsatz der Sportmedizin, der lautet: Geringe Reize sind wirkungslos, mittlere Reize fördern und große oder hohe Reize sind schädlich. "Bei 401 Marathons kann ich mir nicht mehr vorstellen, dass das förderlich ist." Vor allem das Achsenskelett, also die lasttragenden Anteile des Skeletts wie etwa die Sprunggelenke, Kniegelenke und das Hüftgelenk, seien dafür nicht ausgelegt. "Wenn ich an 401 Tagen jeweils 42 Kilometer laufe, dann entspricht das nicht mehr der normalen Belastung eines Mitteleuropäers im 21. Jahrhundert", sagt Tobolski.

"Geringe Reize sind wirkungslos, mittlere Reize fördern und große oder hohe Reize sind schädlich."
Oliver Tobolski, Sportmediziner

Die Leistung von Smith findet der Sportmediziner erstaunlich. Sie zeigt, zu welchen Höchstleistungen der Mensch in der Lage ist. Jedoch sind Schädigungen, etwa der Knorpel in den Gelenken auf lange Sicht noch nicht abzusehen: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese hohe Belastung mittel- und langfristig keine negativen Auswirkungen hat", sagt Tobolski.

Rekordmarathonläufer Smith hat sich darüber offenbar noch keine Gedanken gemacht. Im Ziel sagte der 34-Jährige, er sei "ein bisschen geschockt, aber auch extrem glücklich" es geschafft zu haben: "Das war die Reise meines Lebens."