Immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene nehmen Benzodiazepine. Eigentlich sind das Beruhigungs- und Schlafmittel, ihr Missbrauch ist gefährlich: sie machen schnell und stark abhängig und können tödlich wirken.

Seit knapp sechs Jahren ist Manu (Name auf eigenen Wunsch geändert) abhängig von Lorazepam. Als er mehr davon nahm, hatte er zum Beispiel Wortfindungsstörungen. Heute nimmt er weniger, ganz davon los kommt er aber nicht. Der jahrelange Konsum hat ihn auch gefühlsmäßig abgestumpft, sagt er.

"Dir könnte jetzt zum Beispiel einer sagen, deine komplette Familie ist gestorben, und dann ist das okay. Du lässt dann Sachen gar nicht an dich ran.“
Manu (24), ist von Lorazepam abhängig

Manu hatte Lorazepam das erste Mal wegen einer Panikattacke in der Notaufnahme bekommen. Es ist ein verschreibungspflichtiges Medikament aus der Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine, erklärt Darius Chahmoradi Tabatabai, Chefarzt der Hartmut-Spittler-Fachklinik für Entwöhnungstherapie in Berlin.

"Das sind eigentlich Notfallmedikamente, die ein Segen sind in vielen Situationen", sagt er, etwa in der Epilepsiebehandlung oder bei der Behandlung von Psychosen sind sie wichtig. Denn sie wirken auf das Zentrale Nervensystem und dämpfen die eigene Wahrnehmung.

Benzodiazepine machen stark abhängig

Das Problem: Sie machen schnell süchtig. Man geht davon aus, so der Suchtmediziner, dass in Deutschland rund 1,5 Millionen Menschen von Benzodiazepinen abhängig sind, darunter immer mehr junge Menschen. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch höher.

Denn das Mittel, verharmlosend auch "Benzos" genannt, ist unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen ziemlich in Mode gekommen. Auch der Missbrauch von Opioiden wie zum Beispiel Tillidin, eigentlich ein Schmerzmittel, breitet sich aus. Das beobachtet auch Lars Behrends, der in einer Drogenberatungsstelle in Berlin Marzahn arbeitet.

"Wir haben jetzt innerhalb der letzten Monate festgestellt, dass bei bestimmt einem Drittel der Jugendlichen, die zu uns kommen, Tilidin- und Benzodiazepingebrauch ein Thema ist. Vor einem Jahr war das wohlgemerkt noch überhaupt gar kein Thema."
Lars Behrends, Drogenberatungsstelle Berlin Marzahn

Mögliche Gründe: Zum einen hat sich der Drogenmarkt verändert, Drogen sind einfacher zu beschaffen als früher. Über Messenger-Dienste bieten Dealer alle möglichen Substanzen an - Lieferung nach Direktnachricht.

Suchtberater Lars Behrends vermutet noch einen weiteren Einfluss: In der Musikszene werden die Drogen ziemlich gehyped, ganze Songs gibt es dazu. Das schafft Nachfrage - und verharmlost die Folgen.

"In bestimmten Formen des Straßenraps - des HipHops, Trap und so weiter - werden Benzodiazepine ganz schön abgefeiert. Und über diese popkulturelle Befeuerung ist eine Nachfrage hergestellt worden."
Lars Behrends, Drogenberatungsstelle Berlin Marzahn

Benzodiazepin-Einnahme kann tödlich enden

Auch der lange Lockdown könnte zur Zunahme des Benzodiazepine-Missbrauchs beigetragen haben, vermutet Lars Behrends. Und das bereitet ihm besondere Sorgen, weil der Konsum somit im "privaten Kämmerlein" ohne Freund*innen in der Nähe stattfindet. Denn das kann gefährlich werden und sogar tödlich enden.

"Allen sedierenden Substanzen ist eigen, dass sie wenn sie überdosiert werden oder vor allem in Wechselwirkung mit anderen sedierenden Substanzen stehen, eine Atemdepression auslösen können, also dass sie im schlimmeren Fall zu Bewusstlosigkeit bis hin zum Tod führen können.“
Lars Behrends, Drogenberatungsstelle Berlin Marzahn

Jugendliche scheinen sich der Risiken oft nicht bewusst zu sein, sagt Suchtberater Lars Behrend. Für manche ist Konsum aber auch eine Strategie, um mit sozialen Problemen, körperlichen oder seelischen Schmerzen umzugehen. Alternativen zum Konsum zu entwickeln, ist für viele nicht einfach. Deshalb gehe es vor allem darum klarzumachen, welche Gefahren vom Konsum ausgehen.

Lasst Euch helfen!

Solltet Ihr selbst Benzodiazepine, Opioide oder andere Drogen nehmen, lasst Euch beraten - insbesondere bei längerer Abhängigkeit, weil beim Absetzen heftige Entzugserscheinungen auftreten können. Im Netz findet Ihr eine Vielzahl anonymer Beratungsangebote zum Thema Drogen aber auch für andere Sorgen, Probleme, Ängste und Nöte - hier nur eine Auswahl:

  • Der Drogennotdienst ist eine überregionale Suchtberatungsstelle für drogenkonsumierende Jugendliche und Erwachsene, aber auch Angehörige. Er ist rund ums Jahr und 24 Stunden unter der Nummer 030/19237 zu erreichen.
  • Bei der Caritas Suchthilfe gibt es anonyme Online-Beratung, zu bestimmten Öffnungszeiten auch eine Chatberatung. Außerdem finden sich hier Adressen von Beratungsstellen vor Ort.
  • Auf der Homepage der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. könnt ihr per Postleitzahl eine Beratungsstelle in eurer Nähe suche.
  • Mit Sorgen, Ängsten und Nöten könnt ihr euch auch an die Telefonseelsorge wenden: Unter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222 erreicht ihr rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen ihr anonym sprechen könnt. Auch ein Gespräch via Chat oder E-Mail ist möglich.
  • Die "Nummer gegen Kummer" ist vor allem da für Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter der Rufnummer 116 111 - ebenfalls anonym und kostenlos.