Armenien und Aserbaischan führen wieder Krieg um die Region Bergkarabach. Auch wenn die Armenierin Hasmik Sargsyan damit aufgewachsen ist: An Tote und Gewalt kann und will sie sich nicht gewöhnen.

Nach einer längeren Zeit relativer Ruhe ist der Konflikt um Bergkarabach und angrenzende Gebiete Ende September 2020 wieder aufgeflammt. Seitdem gibt es täglich heftige Gefechte, bei denen bisher hunderte Militärangehörige und dutzende Zivilisten starben.

Trotz der am 10. Oktober ausgerufenen Waffenruhe sind in der aserbaidschanischen Stadt Gandscha erneut Menschen gestorben. Armenien und Aserbaidschan werfen sich gegenseitig vor, die unter Vermittlung von Russland zustande gekommene Waffenruhe zu brechen.

Zwei Länder, viele Gegensätze

Es stehen sich zwei sehr unterschiedliche Systeme gegenüber: Das autoritär regierte und von der Türkei auch militärisch unterstützte Aserbaidschan und die relativ junge, demokratische Republik Armenien.

Aserbaidschan ist muslimisch geprägt und hat rund 10 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, Armenien ist christlich geprägt. Knapp drei Millionen Menschen leben dort. Die Beziehungen zu Russland sind intensiv. Armenien ist seit 2015 Mitglied der von Russland dominierten Wirtschaftsunion EAEU.

Noch vor der brüchigen Waffenruhe haben wir mit Hasmik Sargsyan über den Krieg gesprochen. Sie ist armenische Staatsbürgerin und 2011 für ihr Studium nach Deutschland gekommen. Sie wird in Frankfurt am Main in Empirischer Sprachwissenschaft in den Bereichen Iranistik und Armenisch promoviert.

Keine wirkliche Waffenruhe

Hasmik Sargsyan kennt den Krieg oder zumindest einen sehr brüchigen Frieden als Dauerzustand seit ihrer Kindheit. Sie sagt: "Es sieht vielleicht von außen so aus, als wären es 26 Jahre Waffenruhe. Aber eigentlich ist es immer unruhig an der Grenze."

Der Kriegsausbruch Ende September hat für die Armenierin dennoch eine neue Qualität: "Jetzt war das so intensiv, dass macht einen taub. Ich kann es nicht beschreiben."

Zivilisten mitten in den Auseinandersetzungen

Teilweise werde berichtet, dass die Zivilbevölkerung die Konfliktregion Bergkarabach bereits verlassen habe. Dem widerspricht Hasmik Sargsyan mit aller Deutlichkeit: "Es sind immer noch Leute in Bergkarabach, die nicht auswandern können." Zum einen könnten sie es sich finanziell nicht leisten, zum anderen wollen sie nicht weggehen.

"Da sterben täglich Leute auf beiden Seiten der Grenze."
Hasmik Sargsyan, Armenierin über den Krieg in ihrer Heimat

Hasmik Sargsyan hat Kontakt zu einer Freundin in Jerewan, die dort mit ihren kleinen Kindern ausharrt. Wegen der Bombardierung lebe die Familie jetzt praktisch im Keller. Hasmik Sargsyan sagt: "Das ist Teil ihres Lebens geworden, jeden Tag Bombardement."

Kein völkerrechtlicher Status

Bergkarabach hatte sich während des Zerfalls der Sowjetunion einseitig unabhängig erklärt. Darauf folgte in den 90er Jahren ein Krieg. Etwa 30.000 Menschen wurden getötet. Die Eigenbezeichnung für die umkämpfte Region mit schätzungsweise rund 150.000 Einwohnern lautet seit 2017 Republik Arzach. Die selbsternannte Republik wird bis heute international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans. Sie wird aber mehrheitlich von Armeniern bewohnt.

Hoffen auf eine Waffenruhe

Für die Zukunft wünscht sich Hasmik Sargsyan, dass "die beiden Länder einander einfach ertragen, dass man nicht pauschalisiert, dass man miteinander redet. Es ist einfacher, andere zu dämonisieren, wenn man sie nicht kennt." Jetzt gehe es erstmal darum die Bevölkerung zu schützen. Sie hofft trotz allem auf eine Waffenruhe.

"Jetzt würde ich mir wünschen, dass die Zivilbevölkerung geschützt wird und sofort Waffenruhe ist, weil es so nicht weitergehen kann."
Hasmik Sargsyan, Armenierin über den Krieg in ihrer Heimat