Die Umgebung der deutschen Botschaft in Kabul wurde heute Ziel eines Anschlags. Bisher wird von 90 Toten ausgegangen. Es ist bereits der fünfte schwere Anschlag dort in diesem Jahr.

Eigentlich ein alltägliches Bild. Ein Abwassertanklaster fährt durch die Straßen Kabuls und will in das Diplomatenviertel einbiegen, in dem viele Botschaften und Ministerien liegen. Als afghanische Sicherheitskräfte den Laster an der Weiterfahrt hindern wollten, explodierte das zu einer Bombe umfunktionierte Fahrzeug.

“Statt Wasser war der Tanklastwagen voll mit Sprengstoff gefüllt. Das war ein riesiger Feuerball, riesige Rauchschwaden.“
Silke Diettrich, ARD-Korrespondentin

Unter den Toten ist auch ein afghanischer Wachmann der deutschen Botschaft. Die gesamte Fassade des Gebäudes wurde bei dem Anschlag zerstört. Momentan kann niemand mehr in der Botschaft arbeiten. 

Einige Diplomaten sollen noch heute Abend ausgeflogen werden. Selbst im fünf Kilometer weit entfernten Flughafen Kabuls war die Detonation zu spüren.

Noch ist unklar, ob die deutsche Botschaft in Kabul auch das tatsächliche Ziel des Anschlags gewesen ist. Bisher ist noch kein Bekennerschreiben aufgetaucht. In der Straße liegen auch die US-Botschaft und das Nato-Hauptquartier.

In den Botschaften herrschen so hohe Sicherheitsstandards, dass Mitarbeiter selbst im geschützten Innenhof Schutzwesten tragen müssen. 

Bundesinnenminister hält an Abschiebung nach Afghanistan fest

Der Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat heute eine bevorstehende Sammelrückführung von Flüchtlingen nach Afghanistan verschoben.

Die Begründung: Die Mitarbeiter vor Ort in Kabul hätten so kurz nach dem Anschlag jetzt Wichtigeres zu tun, als solche organisatorischen Maßnahmen vorzubereiten. Grundsätzlich hält er es aber weiterhin für richtig, nach deutschem Gesetz bestehende Ausreisepflichten durchzusetzen, auch nach Afghanistan. 

Die Begründung des Bundesinnenministers kann unsere Korrespondentin Silke Diettrich nicht nachvollziehen. Für sie ist der Anschlag von heute ein weiterer Beweis dafür, wie gefährlich es in Kabul ist.

“Ich fand es total zynisch. Ich hab mich echt geärgert, als ich das heute gelesen habe.“
Silke Diettrich, ARD-Korrespondentin

Allein in Kabul gab es in diesem Jahr bereits fünf große Anschläge, also jeden Monat mindestens einen. Aufgeteilt unter den Taliban und dem so genannten Islamischen Staat. Unter anderem hatten sich Terroristen als Ärzte und Krankenpfleger verkleidet, in einem Militärkrankenhaus das Feuer eröffnet und zahlreiche Menschen getötet.

“Ich frage mich ganz ehrlich, wo genau es in Kabul und Afghanistan denn sicher ist.“
Silke Diettrich, ARD-Korrespondentin

Bis gestern war Silke Diettrich noch selber in Afghanistan. Die Menschen dort haben ihr erzählt, dass sie in ständiger Angst leben, dass sie oder ihre Kinder am Abend nicht wieder lebend nach Hause kommen.