"Wir haben es nicht kommen sehen", sagt Nesko Trgo. Er war damals 29 Jahre alt, arbeitete als Tonmeister beim jugoslawischen Fernsehen in Sarajevo. Zunächst war es ein nur ein mulmiges Gefühl, wenn er außerhalb der Stadt von der Armee kontrolliert wurde. Im Gespräch mit Insa Backe, erzählt er davon. Wie schnell der Krieg da war, wie schnell er alles verlor, das alles hatte auch ihn überrascht.

Zuerst gingen Zehntausende Menschen auf die Straße, um gegen den Krieg zu protestieren. Dann kamen die Heckenschützen, der Konflikt eskalierte. Die ersten Granaten flogen. Nesko arbeitete in dieser Zeit rundum die Uhr, die Journalisten waren unterwegs um die Geschehnisse einzufangen. Auch wenn sie selbst fassungslos waren, was passierte. Nesko schaffte es noch, die kleine Schwester, seine Eltern und Großmutter ins Stadtzentrum zu bringen, bevor Sarajevo belagert wurde. Dafür ließen sie alles zurück. Nesko will in der Stadt bleiben - solange es geht und er nicht in die Armee eingezogen wird.

Fußballstadien als Friedhöfe

Wie viele andere hatte er die Hoffnung, dass es schnell vorbei geht, es eine internationale Intervention gibt. Der nächste Winter kam - wird hart und extrem. In der belagerten Stadt waren die Essensrationen knapp. Innerhalb weniger Wochen wog der junge Mann nur noch 54 Kilo statt 75 Kilo. "Der Mensch wird kreativ, wenn es ums Überleben geht", sagt Nesko.

"Die Menschen lebten in der Hoffnung, dass es vorbei geht. Dass die UN irgendetwas tut."
Nesko Trgo, 1992 Tonmeister beim jugoslawischen Fernsehen

Bei seiner Arbeit sah er die Verletzten in den Krankenhäusern, war auf der Straße selbst in Gefahr durch die Heckenschützen und er beobachtete, wie die Todeszahlen täglich stiegen. "Eine Statistik über getötete Menschen, das ist schlimm", sagt er, wenn er an die Nachrichten von damals denkt. Gleichzeitig versuchte er weiterzuleben, so normal es geht. "Heute ist keiner von uns getötet worden. Heute machen wir eine Party", beschreibt Nesko, wie er, seine Kollegen und Freunde im Krieg weitermachten: "Man feierte das Leben."

"Am Anfang haben sie immer noch die Namen der Getöteten im Fernsehen genannt. Dann waren nur es nur noch Zahlen. 50, 60, 100 Tote."
Nesko, lebte während des Bosnienkriegs in Sarajevo

Die Erinnerungen an Sarajevo sind für ihn stets belegt durch das Kriegsgeschehen. Aber es blitzen auch andere Momente durch: wie er sich in seine heutige Frau verliebte, wie sie heirateten. "Das gibt es auch im Krieg." Wenn er heute an Sarajevo denkt, sagt er, "Ich liebe diese Stadt. Stell dir vor, wir haben 1993 Miss Sarajevo gewählt!"

Es ist ein Bild dieser Wahl, das um die Welt ging: die Schönheitsköniginnen halten ein Transparent mit der Aufschrift "Don't let them kill us" hoch. Es ist der Auslöser für die Band U2, sich mit einem Song für Sarajevo einzusetzen. Der Moment, in dem später das U2-Konzert live in seine besetzte Stadt übertragen wird, bleibt für Nesko ein unvergessener, berührender Moment.