Umfragen messen unsere Sympathien für Parteien. Tatsächlich? Nur bedingt: Sie können allenfalls eine Momentaufnahme der politischen Stimmung sein. Und noch viel wichtiger: Umfragen selbst beeinflussen, was Politiker tun, welche Themen uns bewegen, wie wir Parteien wahrnehmen und sogar wen wir wählen.

Bundestagswahl 2017

In der letzten Zeit mussten Wahlforscher ziemlich Kritik einstecken: Nach dem Brexit, der US-Präsidentschaftswahl und der Landtagswahl im Saarland zum Beispiel war vom Versagen der Wahlforschung die Rede, von der Krise der Demoskopie

"Die Wahlforschung hat Probleme, bestimmte Wählerschichten zu erreichen."

Tatsächlich ist das Geschäft der Demoskopen schwieriger geworden, sagt der Politikwissenschaftler und akademische Wahlforscher Thorsten Faas im Hörsaal. Ein Hauptproblem: Die Befragungsinstitute erreichen bestimmte Wählerschichten gar nicht mehr. Und unsere Unentschlossenheit macht den Wahlforschern zu schaffen - viele, vor allem junge Wähler entscheiden sich erst auf den letzten Drücker. Umfragen können allenfalls Momentaufnahmen sein.

Umfragen verändern Meinungen und Wahlverhalten

Außerdem bilden Umfragen nicht einfach nur Meinung ab, warnt Thorsten Faas in seinem Vortrag. Je nach Auftraggeber oder Erhebungsmethode fallen sie unterschiedlich aus. Und: Sie verändern selbst das Meinungsbild. Beides ist problematisch, wenn man bedenkt, wie viel Macht Umfragen, Prognosen und Projektionen haben.

"In den unterschiedlichsten Entscheidungssituationen stellt man fest, dass die Orientierung an anderen Menschen ein ganz wesentliches Kriterium dafür ist, wie Menschen sich verhalten."
Carsten Reinemann, Kommunikationswissenschaftler

Es gibt viele Hypothesen und auch einige empirische Hinweise zur Wirkung von Umfragen auf Meinungen und Verhalten, sagt der Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann im zweiten Hörsaal-Vortrag. Er geht fest davon aus, dass Umfragen uns beeinflussen, betont aber, dass es nicht den einen Effekt gibt. Noch sei längst nicht geklärt, wie genau und in welchem Maß Umfragen auf uns wirken. 

"Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass da einfach nur was gemessen wird. Das sind Konstruktionsprozesse, die hier am Werk sind."
Thorsten Faas, Politikwissenschaftler und Wahlforscher

Die beiden Vorträge von Thorsten Faas, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Mainz, und Carsten Reinemann, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität München, stammen von der Tagung „Demokratie und Demoskopie“, die die Friedrich-Ebert-Stiftung im Nachgang der letzten Bundestagswahl im April 2014 veranstaltet hat. In einem aktuellen Interview erklärt Thorsten Faas die neuesten Entwicklungen in der Wahlforschung.

Interview mit Thorsten Faas
Neue Methoden in der Wahlforschung