Trielle, Vierkämpfe, Siebenkampf, Wahlprogramme, Wahl-O-Mate… – wir hatten mal wieder viele Möglichkeiten, uns zu informieren, um uns zu entscheiden, für wen wir dieses Jahr bei der Bundestagswahl stimmen wollen. Angesichts der aktuellen Parteienlandschaft und mit dem aktuellen Personalangebot fällt es vielen aber noch schwerer als sonst.

Auch die Bonner Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach geht morgen noch wählen. Entschieden hat sie allerdings schon lange, sagt sie. Aber dieses Jahr ist es auch ihr weniger leicht gefallen als in der Vergangenheit, gibt sie zu: Weil für mich ja auch die Frage ist, wer kümmert sich um welche Themen wirklich authentisch, glaubwürdig und ernsthaft? Und da habe ich dieses Jahr einen Moment länger nachgedacht als das in früheren Jahren der Fall war."

"Ich glaube, es geht vor allem darum, was mir persönlich als Wähler, als Wählerin besonders wichtig ist."
Julia Reuschenbach, Politikwissenschaftlerin

Vor allem die persönlichen Prioritäten sind für die Entscheidung wichtig, glaubt sie: Welcher Kandidat, welche Kandidatin hat mich überzeugt? Oder geht es mir eher um Themen – etwa Digitalisierung oder Klimawandel?

Oder wähle ich lieber taktisch, weil ich eine bestimmte Partei oder Person verhindern oder eine gewisse Konstellation fördern will? Gerade das taktische Wählen sei aber wegen der vielfältigen Möglichkeiten, die herauskommen könnten, eher schwierig dieses Jahr.

Bedingungen für strategisches Wählen dieses Jahr schwierig

Wähler und Wählerinnen kommen ganz unterschiedlich zu ihren Entscheidungen, sagt Julia Reuschenbach, und auch von Wahl zu Wahl unterschiedet sich das. Es habe in der Vergangenheit Bundestagswahlen gegeben, bei denen der Personenfaktor eine große Rolle gespielt hat, bei anderen Wahlen hingegen habe das taktische Wählen einen größeren Stellenwert gehabt.

Gewichtung statt eindeutiger Entscheidung

Das Parteiensystem hat sich in Deutschland mehr ausdifferenziert und viele Parteien sind mit ihren Positionen in der Mitte des politischen Systems zusammengerückt, erklärt die Politikwissenschaftlerin. Daher sei Parteiidentifikation nicht mehr so wichtig für die Wahl wie früher, das zeige auch die Wahlforschung.

In der Folge sei es demnach auch nicht mehr so, dass wir immer das für uns perfekte Match aus Partei und Person finden können, dass wir wählen könnten. Sondern: Man muss nun gewichten, so Julia Reuschenbach.

Enttäuschung oft kein guter Ratgeber

Allein aus Enttäuschung über deren Performance eine Partei nicht zu wählen, davor warnt Julia Reuschenbach eher. Zumindest sollten wir bedenken, dass Politik immer ein Aushandlungsprozess ist: Parteien sind gezwungen, Kompromisse zu machen und müssen Wahlversprechen manchmal langsamer angehen oder auch mal ganz aufgeben. Gleichzeitig lebe die Demokratie aber davon, dass Gespräche geführt, Mehrheiten und Kompromisse gefunden werden.

"Auch kleine Parteien unterbreiten ein Angebot."
Julia Reuschenbach, Politikwissenschaftlerin

Wer eine kleinere Partei favorisiert, aber Sorge hat, seine Stimme damit zu verschenken, den beruhigt die Politikwissenschaftlerin: Es gebe diese Jahre viele kleine Parteien und auch die würden schließlich etwas anbieten. Und wenn sie uns überzeugen, dann sollten wir ihnen auch unsere Stimme geben, argumentiert sie, weil wir unsere Wahlentscheidungen ja auch aus Überzeugung treffen. Ein Blick in die Geschichte zeige zudem auch, dass auch andere Parteien mal klein angefangen haben.

Für das ganze Gespräch mit dem Neurowissenschaftler Henning Beck klingt auf Play
"Eigentlich haben die Menschen schon entschieden - auch die, die sagen, dass sie unentschieden sind."

Immer noch ratlos? Dann hilft euch vielleicht der Neurowissenschaftler Henning Beck weiter. Der meint nämlich: Ihr habt vermutlich schon entschieden, ihr wisst es nur vielleicht noch nicht. Euer Gehirn hingegen weiß längst, wo es seine Kreuzchen machen würde. Setzt euch mal künstlich unter Druck, simuliert etwa eine schnelle Wahlsituation – dann habt ihr gute Chancen zu merken, wofür Euer Herz schlägt und mit welcher Entscheidung ihr euch langfristig wohlfühlen könntet, rät er.