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Beim Einsatz in Afghanistan haben sogenannte Ortskräfte auch der Bundeswehr geholfen. Sie haben übersetzt, vermittelt, organisiert. Nun lässt man sie im Stich, findet Hauptmann Marcus Grotian.

Marcus Grotian ist Bundeswehrhauptmann und Vorsitzender des Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte e.V. Er war selbst 2011 in Afghanistan, in der nördlichen Region Kundus stationiert.

Fast 20 Jahre dauerte der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Im Januar 2002 trafen die ersten Kräfte in Kabul ein. Im April 2021 beschließt der NATO-Rat das Ende der aktuellen Mission "Resolute Support". Der Abzug auch der Bundeswehr beginnt.

Nach dem Abzug: Was passiert mit den Helfern?

Die Bundeswehr hatte bei ihrem Einsatz in dem Land immer auch Ortskräfte eingesetzt, vor allem um zu übersetzen. Aber auch um zu vermitteln und den Kontakt zur Bevölkerung herzustellen. Außerdem lieferten die Helfer wichtige Informationen.

Protraitfoto von Marcus Grotian
© Marcus Grotian
Marcus Grotian war selbst in Afghanistan stationiert. Er will Ortskräften, die ihm damals halfen, jetzt helfen. Und ihren Kollegen.

Die Ortskräfte fühlten sich nach dem Abzug der Bundeswehr allein und zurückgelassen, so Marcus Grotian. Sie hätten ein "schales Gefühl". Für ihn gibt es eine Nachsorgepflicht seitens der Bundesregierung. Wenn die Arbeit für die Bundeswehr bei einem Einsatz gefährlich ist, sei es geboten, sich auch um die Ortskräfte nach einem Abzug zu kümmern, so der Hauptmann.

Die Bundesregierung trägt eine Verantwortung

Aus Bundeswehrkreisen heißt es, dass bislang 23 Afghanen aus Masar-i-Scharif ausgereist seien. 30 weitere Personen, die als gefährdet gelten, sollen folgen. Doch die Ortskräfte, die zurzeit in Deutschland ankommen, würde niemand in Empfang nehmen, so Marcus Grotius. Als Beispiel nennt er eine Familie mit einem einjährigen Kind, die zwei Nächte in Frankfurt am Flughafen in einer Halle übernachten musste.

Das Patenschaftsnetzwerk hilft zurzeit aber vor allem den Ortskräften, die in Afghanistan "festsitzen", wie Marcus Grotian sagt. Manche der Helfer haben ein Visum erhalten. "Sie warten darauf, dass ein Büro der Vereinten Nationen ihnen sagt, wann sie ausreisen können", sagt der Hauptmann. Ihnen rät der Verein, einfach auszureisen, damit sie ihre Leben nicht riskieren. "Das Schlimmste, was ihnen hier passieren kann ist, dass sie zwei Tage in einer Frankfurter Flughallen übernachten müssen", sagt Marcus Grotian. Aber in Afghanistan könnten sie getötet werden.
"In Afghanistan werden Ortskräfte vielleicht umgebracht."
Marcus Grotian, Bundeswehrhauptmann und Vorsitzender des Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte e.V.

Eine weitere Gruppe von Helfern darf seit dem 16. Juni Anträge auf ein Visum stellen. "Doch es gibt keine Büros dafür", sagt der Hauptmann. Bei ihrer Arbeit macht der Verein immer wieder die Erfahrung, dass Verantwortlichkeiten hin- und hergeschoben werden. Das Innenministerium verweist auf das Außenministerium, das verweist auf die Vereinten Nationen und so weiter.

Als Ortskraft zu arbeiten ist lukrativ und das Risiko bekannt, das ist auch Marcus Grotian klar. Doch er kennt Helfer, die "aus vollem Herzen" den Einsatz der Bundeswehr in ihrem Land unterstützt haben. Sie sahen die Truppen als Weg in die Zukunft Afghanistans. Und diese Ortskräfte müssten nun mit dem Schlimmsten rechnen.

"Das sind Ortskräfte, die geglaubt haben, dass wir Afghanistan nach vorne bringen. Und die jetzt dafür mit dem Tode bedroht werden."
Marcus Grotian, Bundeswehrhauptmann und Vorsitzender des Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte e.V.
Manche Ortskräfte würden sich zurzeit verstecken aus Angst, von der Taliban abgeholt zu werden.

Taliban auf dem Vormarsch

Die radikal-islamischen Taliban nutzen den Abzug und übernehmen wieder mehr Macht in Afghanistan, so Anne Cuber aus den Deutschlandfunk Nova-Nachrichten. Der nationale Sicherheitsberater des Landes, Hamdullah Mohib, sagte zur Lage im Land: "Es herrscht Krieg." Afghanistans Verteidigungsminister, Bismillah Mohammadi, rief die Zivilbevölkerung dazu auf, sich zu bewaffnen.

Anne Cuber, Deutschlandfunk Nova-Nachrichten. Das ganze Gespräch hier im Audio.
"Die Menschen in Afghanistan, vor allem im Norden, machen sich große Sorgen und haben Angst. So sehr, dass tatsächlich auch viele dem Aufruf zur Bewaffnung gefolgt sind."

Die Taliban haben in den vergangenen Monaten Gebiete wieder erobert. "Vor allem in Norden des Landes", sagt Anne Cuber. Dort hatte unter anderem die Bundeswehr ihr Feldlager, in Masar-i-Sharif. Die großen Städte kann die afghanische Armee bislang verteidigen, doch in den vergangenen Tagen gab es Berichte, dass mehr als tausend afghanische Soldaten nach Kämpfen mit den Taliban ins Nachbarland Tadschikistan geflohen sind.