In immer mehr Regionen der Welt wird Cannabis legalisiert und auch konsumiert. Das belastet die Gesundheitssysteme, legt ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation nahe. Eine Expertin für Suchtmittel widerspricht.

Zwei Entwicklungen sind laut der Weltgesundheitsorganisation zu beobachten:

  1. Dadurch, dass Cannabis immer häufiger legal ist, wird es auch von immer mehr – vor allem jungen Leuten – konsumiert.
  2. Das Haschisch und Marihuana, das auf dem Markt ist, wird immer stärker. Bei regelmäßigem Konsum hinterlässt es Spuren – vor allem in der Psyche.

Die Zahl der psychischen Erkrankungen und der Suchterkrankungen sei in der letzten Zeit gestiegen, sagt die Uno im neuen World Drug Report 2022. Es gebe immer mehr Suizide, die mit Cannabis-Konsum in Verbindung gebracht werden. Und auch die Zahl der Krankenhausaufenthalte deshalb nehme weltweit zu.

Zahl der Suizide steigt

In der EU sind Hanfdrogen inzwischen für knapp ein Drittel der Drogentherapien die Ursache, so der Bericht. Und in Afrika und einigen lateinamerikanischen Ländern sei Cannabis sogar eine der Hauptursachen, warum sich Leute in eine Drogentherapie begeben.

Die weltweite Tendenz, Cannabis immer häufiger zu legalisieren, hat also auch Nachteile, legt die Weltgesundheitsorganisation nahe.

Andrea Piest vom Notdienst für Suchtmittelgefährdete und -abhängige in Berlin bewertet das anders: Nur, weil die Zahl der Drogentherapien steigen, hieße das nicht automatisch, dass mehr Menschen abhängig von Suchtmitteln sind. Sie geht davon aus, dass sich heute mehr Menschen Hilfe suchen als früher – unter anderem, weil Substanzgebrauchsstörungen weniger stigmatisiert seien als früher. "Sie sind heute mehr als Krankheit anerkannt und nicht mehr als Charakterschwäche."

Andrea Piest vom Notdienst für Suchtmittelgefährdete und -abhängige in Berlin sagt: Das grundsätzliche Problem ist weniger die Verfügbarkeit von Drogen, sondern schon vorhandene psychische Probleme und Krisen. Mehr dazu im Gespräch mit Deutschlandfunk-Nova-Moderator Thilo Jahn:
"Für Menschen, die eine Problematik entwickeln ist es egal, ob die Substanz illegalisiert ist oder nicht."

Mehr Therapien im Zusammenhang mit Drogen sei zudem nicht als "Belastung des Gesundheitssystems" zu verstehen, wie die Weltgesundheitsorganisation es nahelegt, sagt Andrea Piest. Denn Therapien sollen dazu führen, dass das Gesundheitssystem unterm Strich weniger belastet wird. Das Ziel sei es, Erkrankungen zu verhindern, die mit Drogenkonsum zusammenhängen, etwa eine Depression.

Wirkung von Substanzen wird stärker

Die Weltgesundheitsorganisation verweist auf Substanzen, deren Wirkung zunimmt, was an sich zu mehr psychischen Problemen und Abhängigkeiten führen könnte. Andrea Piest sagt: Grundsätzlich sei das eigentliche Problem nicht die Substanz, sondern schon vorhandene psychische Konflikte und Krisen: "Letztlich ist es egal, von welcher Substanz man abhängig geworden ist. Die Substanz ist für betroffene Personen immer das Lösungsmittel."

Andrea Piest begrüßt das Vorhaben der Ampel-Koalition, Cannabis-Konsum in Deutschland unter bestimmten Bedingungen zu legalisieren. Zu mehr Drogenabhängigkeit würde das nicht führen: "Für Menschen, die eine Problematik entwickeln ist es egal, ob die Substanz illegalisiert ist oder nicht. Es kommt so oder so zu einer Substanzabhängigkeit." Wenn Menschen emotional belastet sind, würden sie zu schnellen Lösungsmitteln greifen. In Deutschland seien das in erster Linie Alkohol und Medikamente.

Elf Millionen Menschen spritzen sich Drogen

In Nordamerika sorgen immer noch die Opioide für die größten Probleme, also heroin-artige Substanzen wie etwa Fentanyl. 2021 sind daran allein in den USA etwa 108.000 Menschen gestorben, das ist ein Anstieg um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Opioid-Krise ist aber nicht allein ein US-Problem.

Laut Uno-Drogenbericht steigt der Konsum von Opioiden auch im nördlichen und westlichen Afrika sowie im Mittleren Osten. Dort steht der Missbrauch des Schmerzmittels Tramadol im Mittelpunkt. Und inzwischen gibt es wohl auch Anzeichen dafür, dass Tramadol auch in Asien und Europa konsumiert wird und entsprechend für Probleme sorgt.

Die Märkte für klassische harte Drogen wie Heroin oder Kokain verlagern sich beziehungsweise es kommen neue Absatzmärkte hinzu, beobachten die Uno-Drogenfachleute. Klassische Abnahmegebiete waren Nordamerika und Europa – inzwischen wird aber auch immer mehr Heroin und Kokain in Afrika und Asien verkauft. Das schließt der Bericht daraus, dass dort zumindest in letzter Zeit immer häufiger solche Drogen beschlagnahmt wurden.

"Inzwischen wird immer mehr Heroin und Kokain auch in Afrika und Asien verkauft, so der Report."
Jakob Vogel, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Die Autorinnen und Autoren des Weltdrogenberichts schreiben, dass mehr als 280 Millionen Menschen auf der Welt Drogen konsumieren – Alkohol ist davon ausgenommen. Die Zahl ist aus dem Jahr 2020 – es ist die momentan aktuellste verfügbare Zahl.

Elf Millionen dieser Menschen spritzen sich Drogen, sagt der Report. Das führe oft zu heftigen Begleitproblemen – weil die Spritzen dreckig sind: Die Hälfte der Leute, die sich Drogen spritzen, habe Hepatitis C, mehr als jede(r) Zehnte hat HIV.

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