Die Regierung verspricht sich Vorteile von der Umsiedlung der Landbevölkerung in die Städte. Innerhalb von sechs Jahren soll der Anteil der Stadtbevölkerung von derzeit 53 Prozent auf 60 Prozent steigen. Klingt nicht viel, heißt aber für das bevölkerungsreichste Land der Erde, rund 100 Millionen Menschen sind von dem Umsiedlungsplan betroffen.

Hintergrund für den Umsiedlungsplan ist die Frage nach einem dauerhaften Wirtschaftswachstum in China. Die Umsiedlung der Landbevölkerung kurbelt verschiedene Branchen an wie die Bauwirtschaft und die Konsumgüterproduktion. Denn für die Millionen Menschen, die neu in die Städte ziehen sollen, müssen Wohnungen gebaut werden. Außerdem muss sich die zu großen Teilen verarmte Landbevölkerung ihre Haushalte neu einrichten und sich Möbel und Gebrauchsgegenstände kaufen. Zudem wird sie nicht wie in der Vergangenheit von ihren landwirtschaftlichen Erträgen leben können, sondern muss auch Lebensmittel einkaufen.

"Um langfristig zu wachsen, um den Wohlstand zu erhöhen, um mehr Menschen in Arbeit zu bringen, müssen deutlich mehr Menschen in die Städte."
Axel Dorloff über die Ziele der chinesischen Regierung, Korrespondent in Peking

Bevor die Städte die Landbevölkerung aufnehmen können, müssen sie noch einige Probleme lösen: Die Wohnungsnot ist erheblich, die Wanderarbeiter können sich kaum Wohnungen leisten. Viele Städte haben ein massives Müllproblem. Die Versorgung mit sauberen Wasser ist nicht gewährleistet. Hinzu kommt die starke Luftverschmutzung. Ein großes soziales Problem stellt das Hukou-System dar, das vorschreibt, dass beispielsweise ein Wanderarbeiter nur dort zum Arzt gehen darf oder soziale Leistungen in Anspruch nehmen darf, wo er seinen Wohnsitz angemeldet hat. Arbeitet er tausende von Kilometern weit entfernt von seinem Heimatort, müsste er für den Arztbesuch erst dorthin zurückkehren. Letztlich führt dieses System dazu, dass jeder Dritte in den Großstädten nicht sozial abgesichert ist.

"Darum fordern Kritiker vehement, es darf nicht nur eine physische Urbanisierung geben, es muss auch eine soziale Urbanisierung geben."
Axel Dorloff, Korrespondent in Peking

Viele große Städte haben auch die Verkehrs- und Transportprobleme noch nicht gelöst. Öffentliche Verkehrsmittel sind genauso wie die Straßen überlastet. Vor zehn fuhren auf Chinas Straßen noch zwei Millionen Autos, heute sind es rund zehn Millionen. Um das Wohnungsproblem zu lösen, werde zwar rasant gebaut, aber dem Bedarf kommen die Städte nicht nach.

"Deshalb gibt es auch die absurde Situation, dass viele Wohnungen total überbelegt sind. Also gerade Studenten, Wanderarbeiter haben riesige Probleme, eine Wohnung zu finden - und wenn, wohnen sie teilweise mit 50 oder 20 Leuten in einer Vier-Zimmer-Wohnung."
Axel Dorloff, Korrespondent in Peking

Der Umsiedlungsplan für die kommenden sechs Jahre ist ehrgeizig, aber Experten rechnen damit, dass die Regierung es schafft, den Plan umzusetzen. Denn in China werden beispielsweise Häuser, Straßen oder Flughäfen schneller gebaut als in Deutschland. Nach einer neuen Studie will China bis 2030 den Anteil der Stadtbevölkerung auf 67 Prozent erhöhen - das wären dann rund 940 Millionen Menschen, die in Städten leben. Im Vergleich: heute sind es 730 Millionen.