Seit kurzem gibt es ein Programm für Kinder und Jugendliche aus kriminellen Familien-Clans, die nicht mehr mitmachen wollen und auf der Suche nach einer anderen Perspektive sind. Jörg Unkrig, leitender Kriminaldirektor in NRW, erklärt, wie diese Programme funktionieren.

Durch Großrazzien, Gerichtsprozesse oder Serien steht die Welt der Clans und deren Kriminalität immer mal wieder groß im Rampenlicht. Wie man aus dieser Welt rauskommt, jedoch weniger. Dabei gibt es bereits seit einiger Zeit das Programm "Kurve kriegen" in NRW. Auch in Neukölln ist eins geplant. Beide richten sich vorwiegend an Kinder und Jugendliche, weniger an gefestigte Größen.

Die Motivation junger Menschen, sich an ein Programm zu wenden, um den kriminellen Strukturen einer Großfamilie zu entkommen, sei oft ähnlich, erklärt Jörg Unkrig, leitender Kriminaldirektor in Nordrhein-Westfalen. Die Clanstrukturen seien sehr hierarchisch organisiert, und das bedeute aber auch, dass nicht jeder, der in einem solchen System mitmache, sich am Ende ein dickes Auto oder eine teure Uhr leisten könne. Die meisten müssen sich in der Hierarchie unterordnen und sind zu einem Großteil fremdbestimmt.

"In diesen Clanfamilien ist man fast zu 100 Prozent fremdbestimmt. Da sagt einem jeden Tag jemand, was man machen soll."
Jörg Unkrig, leitender Kriminaldirektor in NRW

"Wenn man nicht den Wagen zum Waschen fährt oder Kurierdienste übernimmt, dann ist man ganz schnell unten", sagt Jörg Unkrig. Und das wäre dann auch ein Punkt, an dem sich so manches Mitglied Gedanken über einen Ausstieg mache. Derzeit betreut das Programm 26 junge Menschen, darunter sind zwei Frauen, der Rest sind Männer. Oft wollen die jungen Menschen ihren Schulabschluss machen und einen Beruf lernen. "Wir haben zwei Aussteiger im Programm, der eine möchte Zugführer werden und der andere möchte Koch werden", sagt Jörg Unkrig.

Das Problem sei jedoch, dass die jungen Menschen es aus ihren Familien nicht kennen, was es bedeutet, die Schule zu beenden, Bewerbungen zu schreiben und einen Job anzufangen. Familienmitglieder würden solche Pläne oft negativ kommentieren, etwa nach dem Motto: Mit diesem und jenem Nachnamen habe man eh keine Chance auf dem Arbeitsmarkt.

Unterstützung durch Pädagogen

Tatsächlich, sei es mit bestimmten Nachnamen, die bereits durch die Presse bekannt sind, schwer einen Job zu finden, bestätigt der Kriminaldirektor. Und genau da setzt das Programm an. Pädagogen unterstützen zum Beispiel die Jugendlichen dabei, die Schule zu beenden. Sie helfen, einen Ausbildungsplatz oder einen Praktikumsplatz zu finden. Und manchmal suchen sie auch das Gespräch mit den Eltern.

"Wenn man so einen Nachnamen hat, der durch die Presse geht, dann sind die Chance erstmal eindeutig schlechter."
Jörg Unkrig, leitender Kriminaldirektor in NRW

Jörg Unkrig findet den Begriff "Aussteigerprogramm" nicht treffend – auch, wenn es darum geht, aus den kriminellen Strukturen eines Clans auszusteigen. Denn – anders als bei anderen Hilfsprogrammen, um einer Szene zu entkommen – gehe es in diesem Fall nicht darum, die Familie zu verlassen. Es gehe vielmehr darum, einen anderen Blick auf die Machenschaften des Clans zu entwickeln und alternative Lebensentwürfe zur Kriminalität zu finden. "Wir reden eher von Distanzierung zu Kriminalität", sagt Jörg Unkrig.

"Bei kriminellen Clan-Familien wollen wir nicht den Ausstieg aus der Familie. Sondern Familie bleibt erhalten, auch wenn ich mit dem, was mein Vater tut, nicht einverstanden bin."
Jörg Unkrig, leitender Kriminaldirektor in NRW

Das Präventionsprogramm unterstütze die Kinder und Jugendlichen, die durchschnittlich zehn bis 16 Jahre alt sind. "Das ist vergleichbar mit so einer Art Therapie", so Jörg Unkrig. Er bekomme häufig von den Jugendlichen die Rückmeldung, dass es das erste Mal in ihrem Leben sei, dass sich wirklich jemand für sie interessiere. Die Pädagogen würden aber lediglich Unterstützung geben. Das Problem müssen die betroffenen Jugendlichen am Ende selber lösen.