Die Spanische Grippe wird auch vergessene Pandemie genannt. Möchten wir die Pandemie-Zeit anders als vorherige Generationen verarbeiten und die Corona-Krise als Chance für Veränderung ansehen, müssen wir unsere Erinnerung aktiv gestalten – in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

1919 schaffte es die Spanische Grippe auch nach Alaska zu den Yupik, die dort in Bristol Bay lebten. Viele starben. Eine schreckliche Zeit, an die sich dort aber niemand erinnert, weil die Yupik sich schlicht dazu entschlossen haben, die Erinnerung an die Pandemie zu streichen. Es ist so, als hätte es die Spanische Grippe nie gegeben.

Von dieser Art der Verdrängung hält die Friedensforscherin Cora Bieß von der Universität Tübingen wenig. Verdrängen bedeute nämlich auch, ein Ereignis nicht zu verarbeiten und das mache es wiederum unwahrscheinlich, etwas aus der Vergangenheit zu lernen. Auch innerhalb einer Gesellschaft bleibe der Wandel dann aus, sagt sie.

Erfahrung, Erkenntnis, Korrektur

Für uns wünscht sich die Friedensforscherin, dass wir es anders machen als die Yupik und unsere Lehren aus der Pandemie ziehen – bestenfalls gesellschaftlich einiges verändern. Die Frage, wie wir uns in beispielsweise zehn Jahren an diese Zeit erinnern werden, sei dabei entscheidend.

Zum kollektiven Gedächtnis trügen wir alle bei. Jede und jeder von uns hat seine eignen Erfahrungen in der Pandemiezeit gemacht. Demzufolge sind wir alle dafür verantwortlich, dass all die vielfältigen Erfahrungen ins kollektive Gedächtnis einfließen.

Cora Bieß zeigt auf, wie wir die kollektive Erinnerung nutzen könnten und was möglicherweise passiert, wenn wir verdrängen. Dabei gibt es eine gute Variante (A) und eine schlechte (B).

  • Variante A: Wir haben durch die Corona-Pandemie gelernt, wie essenziell Gemeinschaft und Solidarität sind. Sozialkompetenzen wie Mitgefühl, Respekt und auch ein konstruktiver Umgang mit Konflikten bekommen einen höheren Stellenwert. Im Alltag könnte das zum Beispiel bedeuten, Care-Arbeit und die Arbeit von Pflegekräften würde mehr wertgeschätzt. Demnach würden wir mehr über faire Löhne sprechen, zuhören und emphatisch sein.
  • Variante B: Es entsteht kein gemeinsamer Austausch. Soziale und traumatische Erfahrungen sind wenig thematisiert worden, was zur Folge hat, dass viele Menschen sich als Abgehängte des Systems fühlen und nicht als ein Teil einer Gemeinschaft. Das Abstandhalten ist über die Corona-Pandemie hinaus zu einem Narrativ von Einsamkeit, Isolation, in dem andere Menschen als Gefahr wahrgenommen werden, geworden.

Wer erzählt, bestimmt, wie wir uns erinnern

Wie wir in Zukunft auf die Corona-Pandemie zurückblicken und was wir daraus lernen, weiß heute noch niemand. Es kann Jahrzehnte dauern, bis unsere kollektive Erinnerung eine Form angenommen hat, weiß Cora Bieß. Entscheidend sei dabei auch, wessen Geschichten gehört werden.

"Vergangenheit ist nicht festgeschrieben, sondern kann auch immer wieder neu interpretiert oder erzählt werden."
Cora Bieß, Friedensforscherin von der Universität Tübingen

Die Erinnerung an die Spanische Grippe zum Beispiel haben laut der Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney vor allem diejenigen bestimmt, die damals vergleichsweise wenig von dem Virus betroffen waren: wohlhabende Weiße. Die Menschen aus sozial benachteiligen Verhältnissen, die das Virus hingegen schwer getroffen hat, kamen – mit wenigen Ausnahmen – in den vergangenen hundert Jahren nicht zu Wort.

Erinnern, um Erfahrenes zu verarbeiten

Damit sich die Vergangenheit und das Vergessen und Verdrängen nicht wiederholt, sei es entscheidend, niemanden abzuhängen – besonders diejenigen, die sich schon heute nicht mehr als Teil einer Gemeinschaft fühlen. Diese Aufgabe sollten wir als Gesellschaft gemeinsam angehen, damit sich spätere Generationen nicht daran abarbeiten müssen.

"Welche langwierigen Auswirkungen für die sozioemotionale Entwicklung entstehen werden, ist ein Fakt, der mir große Sorgen bereitet."
Cora Bieß, Friedensforscherin von der Universität Tübingen

Die Vergangenheit sei nicht nicht bloß als Speicher von Erinnerungen zu betrachten, sondern ließe sich auch immer wieder neu interpretieren, so Cora Bieß. Ein Patentrezept dafür, wie wir das kollektive Gedächtnis konstruktiv gestalten, gibt es nicht. Aber die Gewissheit, dass wir unsere Erinnerung an die Pandemie gestalten können.