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In England, einem der Delta-Varianten-Hotspote, sind die Zahlen der Neuinfektionen innerhalb von zehn Tagen schnell gesunken – obwohl die Politik voll auf Lockerungen setzt. Wie es zu der niedrigen Inzidenz kommen konnte und was wir daraus lernen können, erklärt Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth.

Als der britische Premierminister Boris Johnson am 19. Juli den "Freedom Day" verkündet und damit für England so gut wie alle Corona-Schutzmaßnahmen aufgehoben hat, lag die Sieben-Tage-Inzidenz in dem Land bei rund 545.

Expertinnen und Experten haben befürchtet, dass die Corona-Neuinfektionen im Delta-Varianten-Hotspot weiter in die Höhe schnellen – aber das Gegenteil ist der Fall: Aktuell liegt die Inzidenz bei einem Wert von über 290 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern (Stand: 29.07.2021).

Die übrigen Länder des Vereinigten Königreiches – Schottland, Wales und Nordirland – fahren eine zurückhaltendere Corona-Politik. Boris Johnson ist in Gesundheitsfragen nur für England zuständig.

Warmes Wetter, Urlaubszeit, keine EM

Für den Grund des Rückgangs trotz der Lockerungen gibt es verschiedene Erkläransätze. Zum einen haben sich die Menschen auf der britischen Insel in der vergangenen Zeit weniger oft testen lassen, erklärt Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth. Zudem ist gerade Urlaubszeit und durch das Sommerwetter sind viele Menschen im Freien unterwegs.

Auf der anderen Seite nimmt auch der Effekt ab, der durch die Fußball-Europameisterschaft der Männer entstanden ist: Nachdem feiernde Fußball-Fans in den Pubs, auf den Straßen und in den Stadien von London wenig bis gar nicht auf die Schutzmaßnahmen geachtet haben, hat das für einen Schub an Neuinfektionen gesorgt, der vor allem durch die ansteckendere Delta-Variante des Coronavirus an Schnelligkeit gewann. Seitdem die EM beendet ist, zieht sich dieser Ausläufer wieder zurück.

Anzeichen für Gruppenimmunität?

Andere Expertinnen und Experten interpretieren die fallenden Zahlen wiederum als erstes Anzeichen einer Gruppenimmunität. Etwa neun von zehn Erwachsenen sind in England laut einer Befragung des Office for National Statistics entweder geimpft oder genesen. Um das Virus wirklich einzudämmen, braucht es allerdings eine noch stärke Immunität der Menschen dort, sagt der Wissenschaftsjournalist. Denn es zeigt sich, dass eine Infektion mit der Delta-Variante auch bei Genesenen und Geimpften möglich ist.

Wie sich die Lockerungen im Rahmen vom Freedom Day jetzt weiter auf das Infektionsgeschehen auswirkt, würde sich frühestens in den kommenden Tagen zeigen. Seit Anfang August nehmen die Neuinfektionen im gesamten Königreich allerdings wieder zu, ähnlich sieht es mit der Anzahl der Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern und den Todesfällen aus – auch wenn der Anstieg weniger drastisch ist als in der Vergangenheit. Das ist ein positiver Effekt der Impfung, so Volkart Wildermuth. Noch sei es auch zu früh, aus den steigenden Zahlen einen Trend abzulesen.

Briten trotz Lockerungen vorsichtig

Unklar sei auch, inwiefern die Engländerinnen und Engländer die Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen voll auskosten oder sich erst einmal zurückhalten. Der Effekt des Freedom Day zeigt sich also noch nicht eindeutig. Volkart Wildermuth schätzt, das Infektionsgeschehen könne im Herbst wieder an Fahrt aufnehmen, wenn mehr Menschen sich wegen des kühleren Wetters drinnen aufhalten und auch die Schule wieder anfängt.

"Aus dem Schneider ist Großbritannien sicher noch nicht. Zumal wenn es Herbst wird, das Tempo der Übertragung sicher noch einmal anzieht."
Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist

Auch wenn Deutschland und England schwer miteinander zu vergleichen sind, zeigt die Entwicklung auf der britischen Insel, dass die Corona-Impfungen ihre Funktion erfüllen und eine vierte Welle weniger folgenschwer sein wird als ihre Vorläufer.

Inwiefern Öffnungen die Ausbreitung der Delta-Variante beeinflussen, würde sich dann in etwa einer Woche anhand der Daten aus dem Vereinigten Königreich zeigen. Sollten die Neuinfektionen wieder steigen, sind Schließungen wie die von Clubs oder Verbote von Großveranstaltungen eine wirkungsvolle Gegenmaßnahme, wie sich in den Niederlanden gezeigt hat.

Wie die vierte Welle ausfällt, hängt von uns ab

Was wir in Deutschland machen können, ist uns vorzubereiten, sagt der Wissenschaftsjournalist. Jetzt ist die Zeit fürs Impfen, Klassenzimmer und Büros mit Lüftern auszustatten und weiterhin die AHA-Regeln einzuhalten.

"Jedes Land und jede Corona-Epidemie ist anders. Das englische Beispiel zeigt aber auch: Es kommt auf das Verhalten der Menschen an – sie waren nicht so öffnungsfroh wie Boris Johnson."
Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist