Deutschland ist bisher relativ glimpflich durch die Corona-Krise gekommen. Ein Forschungsteam der Uni Göttingen hat nun analysiert, wie sehr das mit den Shutdown-Maßnahmen zusammenhängt. Ihr Ergebnis: Es gibt einen eindeutigen Bezug.

Die wichtigste Datengrundlage der Forscher*innen ist die Entwicklung der Fallzahlen. Diese haben sie mit den Maßnahmen verglichen, die Bund und Länder getroffen haben. Dabei heben sie vor allem drei zentrale Phasen hervor.

1. Absage aller öffentlichen Veranstaltungen ab 8. März.
2. Schließung von Unis, Schulen und vielen Geschäften ab 18. März
3. Umfassende Kontaktbeschränkungen ab 24. März

Das Virus aufhalten - Schritt für Schritt

Bei allen drei Shutdown-Phasen entdeckten die Forscher*innen einen statistischen Zusammenhang. So stieg mit den ersten Maßnahmen die Zahl der Infektionen zwar noch weiter an, aber nicht mehr so schnell: Die Wachstumsrate halbierte sich. Damit ist die Zahl der Neufinzierten minus die Zahl der Genesenen gemeint.

Hier könnten auch die drastischen Entwicklungen in Italien eine Rolle gespielt haben, insofern, dass die Menschen freiwillig Abstand hielten. Auch mit dem zweiten Maßnahmenpaket reduzierte sich das Wachstum.

Kontaktbeschränkungen zeigen Wirkung

Wirklich gestoppt wurde die exponentielle Verbreitung des neuen Corona-Virus aber erst mit dem dritten Maßnahmenpaket, den umfassenden Kontaktbeschränkungen. Für die Forschenden ergibt sich daraus, dass Deutschland alle drei Maßnahmen-Pakete zusammen gebraucht hat, damit die Zahl der Neuinfektionen von Tag zu Tag kleiner wurde.

Bei den Berechnungen haben die Forschenden auch Abweichungen einbezogen, die sich dadurch ergeben, dass zwischen Infektionen, Symptomen und dem letztlich positiven Testergebnis einige Zeit vergeht.

Wie genau sie in ihrem Computermodell die Verzögerungen berücksichtigt haben, kann sich jeder anschauen (der Programmierkenntnisse hat). Auf der Plattform github haben sie den Programmiercode abgelegt, sodass auch andere Teams die Infektionsdaten und Maßnahmen in anderen Ländern damit analysieren können.

Wie wirken die Lockerungen?

Aber auch das Team aus Göttingen ist noch nicht fertig mit der Analyse. Sie wollen weiterhin untersuchen, wie sich die Lockerungen auswirken. Hier müssen Sie ebenfalls eine Verzögerung durch die Inkubationszeit und Tests berücksichtigen. So zeigen sich erst jetzt erste Effekte der Lockerungen vom 20. April.

Möglich sind dabei unterschiedliche Szenarien: Im Idealfall lassen sich die Neuinfektionen soweit reduzieren, dass sich Infektionsketten wieder nach verfolgen lassen. Im pessimistischen Szenario aber ist ein erneuter exponentieller Anstieg möglich. Das könnte nach diesem Modell im Juli 6.000 Neuinfizierte täglich bedeuten.

Für die Forschenden wurde bei ihrer Analyse aber auch deutlich, wie sehr sich jede Veränderung des Kontaktverhaltens auswirken kann. Sie schließen: Selbst wenn die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen pro Tag sich auf einige Hundert einpendeln könnte, ist auch hier durch anderes Verhalten eine zweite Infektionswelle möglich.