Suchanfragen deuten darauf hin, dass Menschen gerade häufig merkwürdig träumen – jedenfalls in den USA. Gründe dafür gibt es im Moment wirklich genug.

In den USA hat sich die Google-Abfrage "Warum habe ich in letzter Zeit seltsame Träume?" in den vergangenen Wochen vervierfacht, schreibt die New York Times. Der Schluss liege nahe, dass es einen Zusammenhang zwischen schlechten Träumen und der Covid-19-Pandemie gibt.

"Im Moment ist alles anders – und oft belastend."
Martin Schütz, Deutschlandfunk Nova

Für die meisten von uns ist Corona eine abstrakte Bedrohung, die schwer zu visualisieren ist – deren Auswirkungen aber gleichzeitig unseren Alltag komplett verändern.

  • Die Straßen sind leer.
  • Menschen halten Abstand.
  • Wohnungen sind häufig auch Arbeitsplätze.
  • Einige Menschen sind sozial isoliert.
  • Sorge um ältere Verwandte.

Im Schlaf verarbeitet unser Hirn die aktuelle Lebenssituation. Wahrscheinlich greift es dabei auf bekannte Bedrohungsbilder zurück: Tsunami-Wellen, Monster, Kriegsszenarien – all das kann dann visualisiert werden. Das ist eine ganz natürliche Reaktion, haben Forschende der Uni Genf vergangenes Jahr herausgefunden.

Unser Gehirn härtet sich sozusagen im Schlaf ab: Die Gefühle, die wir schlafend erleben, wirken als Übung. Diese hilft später, wenn wir wach sind, mit realen Angstsituationen umzugehen.

Unser Hirn greift auf alternative Bilder zurück

Das Gehirn sortiert im Schlaf die Erfahrungen des Tages, damit es wieder aufnahmefähig ist. Momentan hat es bei vielen von uns tendenziell vor allem negative Nachrichten und Erfahrungen zu verarbeiten. Wichtiges wird im Langzeitgedächtnis abgespeichert, Unwichtiges gelöscht. Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass wir uns an einen guten Traum nach dem Aufwachen eher nicht mehr erinnern, während uns ein Alptraum auch schon mal aufweckt und dadurch auch später präsenter ist.

Die Regeln unseres Schlafes

Dass wir uns derzeit so gut an unsere Träume erinnern können, kann auch noch an einem anderen Aspekt liegen. Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Rebekka Endler hat sich dafür von Christine Blume, Schlafforscherin am Zentrum für Chronobiologie der Uni Basel, unseren Schlaf genauer erklären lassen.

Der Schlaf besteht aus vier bis fünf Schlafzyklen: Wir beginnen mit einem leichten Schlaf, gehen dann in den Tiefschlaf über, der vor allem am Anfang der Nacht dominant ist. Dann beginnt die Traumschlaf- oder auch REM-Phase, eine Abkürzung für Rapid Eye Movement. Hier entstehen unsere Träume.

"Es beginnt immer mit dem Leichtschlaf. Dann wird der Schlaf ein bisschen tiefer. Dann gehen wir in den Tiefschlaf, der insbesondere am Anfang der Nacht den Schlaf dominiert, und dann wachen wir kurz auf. Dann haben wir so eine kurze REM-Phase."

Im Verlauf der Nacht verändern sich die Längen der einzelnen Schlafphasen. Während die Tiefschlafphaseen kürzer werden, werden die REM-Phasen länger. Damit steige auch automatisch die Anzahl der erlebten Träume, erklärt Christine Blume.

Stress steigert die Länge der Traumphasen

Kommt jetzt noch Stress hinzu, wie ihn viele von uns durch die negativen Corona-Nachrichten vermehrt spüren, könne das dazu führen, dass die REM-Phase länger andauere und die Tiefschlafphase kürzer wird als normalerweise. So könnte das bei uns den Eindruck hinterlassen, dass wir so viel und so seltsam träumen, sagt Beate Ditzen, die das Institut für Medizinische Psychologie am Uniklinikum in Heidelberg leitet.

"Dadurch, dass dieser REM-Schlaf so stark zunimmt in stressreichen Phasen, können wir uns an unsere Träume erinnern und haben deshalb auch den Eindruck, dass wir so viel und so seltsam träumen."

Der Stress, den die Corona-Situation in uns auslöst, lässt uns also nicht unbedingt mehr träumen, sondern lässt uns das Geträumte nach dem Aufwachen besser in Erinnerung rufen.