US-Präsident Joe Biden hat die Pandemie für beendet erklärt. Dennoch habe man weiter ein "Problem mit Corona". Hat sich die Lage auch in Deutschland so stark verändert? Darüber sprechen wir mit dem Physiker Dirk Brockmann, der zur Ausbreitung des Coronavirus forscht.

Wissenschaftler*innen warnen seit Monaten vor einer neuen Corona-Welle im bevorstehenden Herbst. Derweil erklärte US-Präsident Joe Biden am Wochenende in einem Interview mit dem TV-Sender "CBS" die Pandemie in den USA für beendet. "The pandemic is over", sagt er darin.

"Ich glaube, er wollte einfach in einem System, wo man keine klare Grenze ziehen kann, wann das vorbei ist, eine klare Grenze ziehen."
Modellierer Dirk Brockmann über die Erklärung von Joe Biden zum Pandemieende

"Ich glaube, was er meinte, ist, dass die Dynamik dieser Pandemie jetzt eine andere ist", sagt der Modellierer Dirk Brockmann. "Also, dass man jetzt einen Schlussstrich ziehen kann, weil zum Beispiel diese Wellenbewegungen träger geworden sind."

Die Dynamik stagniere auf einem relativ hohen Niveau. "Aber auch in den USA sterben immer noch viele hundert Menschen jeden Tag und deshalb hat man da noch ein Problem, wie Biden ja auch gesagt hat", so Brockmann.

Rückläufige Zahl von Corona-Toten

Auch in Deutschland hat sich die Corona-Lage geändert. Seit Ende Juli geht die Zahl der wöchentlich gemeldeten Corona-Toten zurück, heißt es im jüngsten Wochenbericht des Robert Koch-Instituts. Im Frühjahr wurden pro Woche noch bis zu 1.800 Tote gemeldet, vorletzte Woche waren es nur noch 136. In den USA sterben derzeit täglich rund 400 Menschen mit Corona.

Was wir allerdings aus Modellen für Infektionskrankheiten und Pandemien wissen, ist, dass sie erst ansteigen und dann wieder abfallen, weil wir vorsichtiger werden oder Impfstoffe haben, sagt Dirk Brockmann. Anschließend komme die nächste Welle und die werde geringer in ihrer Höhe und Breite sein, dauere aber länger an.

"Deutschland verharrt seit vielen Wochen auf einem Niveau zwischen 50 und 30.000 Neuinfektionen jeden Tag", so der Modellierer. "Es entsteht also eine Art kritisches Gleichgewicht zwischen den Kräften", sagt Dirk Brockmann, einerseits steigen die Fallzahlen an – also mehr Menschen stecken sich an. Gleichzeitig verhalten wir uns wieder normaler und insgesamt führe es andererseits natürlich auch zu einer höheren Immunität in der Population.

Virusentwicklung entscheidet über das Pandemieende

Das bedeute aber nicht, dass die Pandemie vorbei sei. "Wir haben einen leichten Anstieg von Zahlen, und es gibt ja auch wieder immer neue Varianten", sagt Dirk Brockmann.

"Was die Zukunft bringt, wird in erster Linie dadurch bestimmt, wie das Virus jetzt wieder auf uns reagiert."
Modellierer Dirk Brockmann über das Ende der Coronapandemie

"Ich glaube, es wird nie so richtig den Zeitpunkt geben zu sagen: 'So jetzt, ab heute ist jetzt die Pandemie vorbei'. Das entspricht einfach nicht diesem Phänomen", sagt er, "es wird einfach immer weniger stark werden und irgendwann wird man dann halt nicht mehr Pandemie nennen."