In Großbritannien verbreitet sich eine neue Variante von Sars-CoV-2. Bisher fehlen noch ausreichend Daten über die Virusmutation. Zum Beispiel wissen Forschende noch nicht, wie ansteckend die Variante tatsächlich ist. Der neue Impfstoff soll trotzdem seine Wirksamkeit behalten.

Deutschland und viele andere Länder haben für Flugzeuge aus Großbritannien ein Einreiseverbot verhängt. Grund dafür ist die Coronavirus-Variante B.1.1.7, die in Großbritannien bereits im September an gut einem Viertel der Corona-Infektionen beteiligt war. Mitte Dezember waren es in London sogar 60 Prozent der Corona-Infektionen, die alleine auf die neue Variante zurückzuführen sind, sagte der oberste wissenschaftliche Berater der britischen Regierung, Patrick Vallance.

Christine Heuer, Dlf-Korrespondentin in London, über die Lage in Großbritannien. Klickt auf den Play-Button unten, um das ganze Gespräch zu hören.
"In Großbritannien gab es am Sonntag fast 36.000 neue Fälle bei 66 Millionen Einwohnern. Am Samstag waren es noch 27.000. Das Virus nimmt in Großbritannien mächtig an Fahrt auf und sie führen das auf diese mutierte Variante zurück."

Noch ist unklar, inwieweit die Variante B.1.1.7 wesentlich ansteckender ist im Vergleich zu anderen Mutationen des Coronavirus. Laut britischen Forschenden gebe es Hinweise darauf, dass das Virus sehr viel ansteckender sei, berichtet Deutschlandfunk-Korrespondentin Christine Heuer aus London. Hinweise auf einen tödlicheren oder schwereren Krankheitsverlauf gebe es allerdings keine. Aus den Zahlen der Forschenden kommt der britische Premierminister Boris Johnson zu dem Ergebnis: Im Durchschnitt sei die neue Variante etwa 70 Prozent ansteckender als das ursprüngliche Coronavirus Sars-CoV-2. Bewiesen ist das aber noch nicht.

Datenlage über Variante B.1.1.7 gering

Virologe Christian Drosten sagte dazu im Deutschlandfunk: "Die Frage ist: Wird dieses Virus mit einer jetzt hochkommenden neuen Welle in dieser Region hochgespült, oder ist das Virus selbst dafür verantwortlich, dass diese Welle entstanden ist?"

Das bedeutet: Die Schnelligkeit der Verbreitung dieser Variante in Großbritannien könnte Zufall sein. In anderen Ländern sei B.1.1.7 auch schon registriert worden, so Christian Drosten, obwohl es sich anderswo nicht so rasant verbreitet habe. Für ein genaueres Bild über die neue Variante fehlen noch aussagekräftige Daten.

Mutationen an 17 Stellen

Was bislang klar ist: Das Erbgut der Variante B.1.1.7 ist an 17 Stellen auf einmal mutiert. Dass ein Virus mutiert, ist nichts Ungewöhnliches und passiert ständig. Alleine vom Coronavirus sind mittlerweile Tausende Mutationen bekannt.

Bei der neuen Variante sind zwei Mutationen aber besonders auffällig, die das Spike-Protein betreffen. Das ist die Stelle, mit der das Virus an die menschlichen Zellen andocken kann.

  • Eine Mutation von B.1.1.7 betrifft die Stelle, die bestimmt, wie eng sich das Virus im menschlichen Körper an die Wirtszelle anbinden kann. Forschende wissen hier aber noch nicht, ob diese Mutation das Virus für Menschen potenziell gefährlicher macht.
  • Die zweite Mutation könnte der neuen Virusvariante möglicherweise dabei helfen, die Immunreaktion des menschlichen Körpers zu umgehen.

Mutationen des Coronavirus weltweit

Aufgrund der geringen Datenlage warnen Forschende davor, aktuell Rückschlüsse zu ziehen. Hinweise auf eine höhere Sterblichkeit liegen der britischen Behörde Public Health England zum Beispiel bislang nicht vor. Sorge gibt es allerdings, weil eine dieser Mutationen in Südafrika aufgetaucht ist, wo gerade junge Menschen schwerer erkranken.

Dass es bei der Einordnung neuer Varianten auf eine aussagekräftige Datenlage ankommt, zeigt ein ähnlicher Fall aus dem Sommer: Als in Spanien eine neue Variante des Coronavirus gefunden wurde, haben Forschende in Großbritannien und anderen europäischen Ländern eine starke Ausbreitung der Virusvariante beobachtet. Heraus kam: Spanienurlauber haben die Virusvariante in ihre Heimatländer zurückgebracht. So tödlich, wie am Anfang vermutet, war die Variante dann doch nicht.

Mehr Gentests in Großbritannien

Hinzu kommt: In Großbritannien werden 10 Prozent aller positiven Corona-Tests nochmals im Labor auf Mutationen untersucht. "So kann natürlich auch mehr auffallen. Bei uns in Deutschland wird das bisher nicht so genau untersucht", erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Anne Tepper. Die Virusvariante, die jetzt in Großbritannien aufgetaucht ist, könnte es demnach theoretisch auch in Deutschland schon geben, ohne dass sie bislang entdeckt wurde.

Impfstoff weiter wirksam

Der Impfstoff soll aber auch bei der neue Variante wirksam sein. Dieser wurde so gemacht, dass er Immunreaktionen gegen mehrere Virusmerkmale auslösen würde, wie Christian Drosten im Deutschlandfunk erklärt hat.

"Das Immunsystem bekämpft dann nicht nur eine Stelle am Spike-Protein des Virus, sondern alle möglichen. Das heißt: Verändern sich einzelne Stellen am Spike-Protein, muss das nicht dazu führen, dass der Impfstoff unwirksam wird."
Anne Tepper, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichten