Der Leipziger Historiker Alexander Sembdner twittert kleine Texte, die einen Einblick in die Sorgen und den Alltag der Menschen im Mittelalter geben.

RPG steht für: Repertorium Poenitentiariae Germanicum. Es ist eine Sammlung mit Bittschriften von Personen, Kirchen und Orten des Deutschen Reichs. Die Schriften stammen aus der Zeit von 1410 bis 1569 und sind teilweise unfreiwillig komisch, aber sie geben auch einen Einblick in den Alltag des Mittelalters: von Fußballspielen über Ehebruch bis hin zu Schlägereien.

Ehebruch und Tod nach dem Festmahl

Da gibt es zum Beispiel die Geschichte des Priesters Caspar Stumer, der zu einem Festmahl eingeladen worden war. "Wahrscheinlich wird es eine große Sauferei gewesen sein", sagt Alexander Sembdner. Als Stumer sich nach dem Essen im Gästehaus schlafen legen will, kommt ein anderer Priester mit einer Frau ins Zimmer. Caspar Stumer gibt sein Bett frei und lässt den beiden ihr Vergnügen. Er wartet solange draußen auf dem Gang, während die anderen beiden Sex im Zimmer haben. Schließlich kommt ein weiterer Mann ins Spiel, der nachfragt, ob seine Frau zufällig in jenem Zimmer sei. Caspar Stumer bejaht. Anschließend kommt es zur Auseinandersetzung. Einer der Männer stirbt. Derjenige, der Sex mit der Frau in Stumers Zimmer hatte, gibt am Ende Stumer die Schuld für den Tod des anderen.

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Stumer will das nicht auf sich sitzen lassen und schreibt einen Brief an den Papst, beziehungsweise an dessen Bußbehörde. Das Anliegen wird später archiviert und genau das ist der Grund, warum die Geschichte uns heute noch überliefert ist. Der Historiker Alexander Semdne gräbt solche Anekdoten aus und veröffentlicht sie.

Die Originalbriefe sind auf Latein verfasst. Alexander Sembdner sagt, er übersetzt die Texte und ergänzt sie um Informationen, die wir heute brauchen, um die damaligen Umstände zu verstehen.

"Die sind ein bisschen schwierig und auch das Latein ist nicht ganz einfach. Ich übersetze das und denke mir den Rest dazu, wie man die Geschichte doch ein bisschen anschaulicher erzählen könnte."
Alexander Sembdner, Historiker über seine Tweets

Der Historiker findet die Bittbriefe so besonders spannend, weil es sich dabei nicht um offizielle Chroniken handelt, sondern weil sie aus dem Alltag der einfachen Menschen berichten. Dabei sind nebensächliche Infos in den Texten oft spannender, als das Vergehen, das Anlass für die Bittschrift war. So ist beispielsweise bei einem Fußballspiel zwischen Priestern und Laien ein Spieler ums Leben gekommen. Der Unfall ist letztlich weniger spannend, als der Beleg, dass in der Zeit bereits Fußball gespielt wurde.

Einblicke in Alltag und Sprache des Mittelalters

Alexander Sembdner erzählt, dass ihn das Mittelalter fasziniere, weil die Menschen uns in dieser Zeit doch sehr nah sind. "Sie haben die gleichen Probleme wie wir", sagt er. Allerdings waren die Umstände doch ganz anders: Im Mittelalter lebten die Menschen in einer sehr hierarchisch gegliederten Feudalgesellschaft. Die Kirche hatte enormen Einfluss. Und genau dieses Zusammenspiel aus Bekanntem und Unbekanntem findet der Historiker so reizvoll an dieser Zeit.

"Die Bittsteller müssen sehr detailliert schildern, was passiert ist. Dadurch bekommen wir etwa Einblicke, wie es in einem Haushalt aussieht."
Alexander Sembdner, Historiker

Wenn Situationen in den Briefen beschrieben werden, dann werden sie oft sehr präzise dargestellt. Auf diese Weise bekommen Historiker etwa eine Vorstellung davon, wie es in einem einfachen mittelalterlichen Haushalt aussah. Außerdem verwenden die Briefeschreibenden auch wörtliche Rede. Das ist selten in mittelalterlichen Quellen und gibt uns eine Vorstellung der damaligen Sprache, "mit Schimpfwörtern und allem drum und dran", sagt der Historiker.