Der größte Wunsch eines vernachlässigten Künstlersohns: die Aufmerksamkeit seines Vaters. Aber wie bekommt er die? Ganz klar, er macht Kunst.

Vier Jahre lang hat Charles seinen Vater schon nicht mehr gesehen. Als der Charles, die Mutter und Italien verlassen hatte, war Charles elf. Nun darf der Sohn den Vater endlich besuchen – und das in den USA. Es ist Charles erste Reise, die ihn raus aus Italien führt. 

In Charles Gepäck ist ein Bild, dass er selbst gemalt hat, das will der dem Vater zeigen. Es ist eines von vielen, aber es ist das erste, das er für gelungen hält. Sein Vater soll ihm sagen, was er davon hält, denn sein Vater ist der berühmter Maler Bear Bravinsky. "Die Gesichter" von Tom Rachman erzählt die Geschichte eines Künstlersohns, der sich nur mühsam aus dem Schatten seines übermächtigen Vater lösen kann.

"Nur, wenn er an der Staffelei steht, die sein Vater zurückgelassen hat, dann ist Charles ein anderer. Doch ein wenig wie sein Vater. Einer, der was kann."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Autorin

Bear studiert die aufgerollte Leinwand mit zusammengekniffenen Augen. Sein Urteil ist knapp und brutal: Nein, er sieht in seinem Sohn keinen Maler, weder jetzt, noch irgendwann. Und dann geht er einfach weg. In Charles zerbricht etwas. Schließlich weiß er nicht, dass sich sein Vater irrt. 

Sein Vater, der berühmte Maler

Nach der Schule verlässt Charles Italien und studiert Kunstgeschichte – was sonst. In London kämpft er sich als mürrischer Sonderling in Cordhosen durch farblose Tage, zuerst als Übersetzer, dann als Italienischlehrer. Manchmal hat er Affären mit Frauen,  aber sie bleiben nicht lange. Und ja, Charles prahlt mit dem Ruhm seines Vaters, um von seinem eigenen Scheitern abzulenken, und er hasst sich selbst dafür.

In einem Sommer, Charles ist inzwischen Mitte Dreißig, fährt er spontan nach Frankreich, in das abgelegene Steinhäuschen, in dem sein Vater hin und wieder malt. Blind vor Wut und ordentlich rotweinbetrunken stapft Charles schließlich eines Abends in Bears Atelier und randaliert. Dabei zertrümmert er wahllos eines der dort stehenden Bilder. Er weiß, was passiert, wenn sein Vater von der Zerstörung erfährt. Er wird ihn noch weniger achten. Charles bleibt also nur eine Wahl: Er malt.

"Das Bild ist ein Vermögen wert, aber erst als Charles wieder nüchtern wird, begreift er, was er da getan hat."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Autorin

Er malt erst eine Version, dann eine zweite, schließlich ein Dutzend, tagelang. Am Abend verbrennt er alles, so wie sein Vater alles verbrennt, was ihm nicht gefällt. Charles malt manisch, bis er zufrieden ist. Er besieht die Kopie und stellt fest, dass er alle täuschen könnte, seinen Vater, die Galeristen, die Sammler, das ganze Künstlerpack, zu dem er nicht gehören durfte. Er könnte es als echten Bear Bavinsky verkaufen. Und wenn das klappt, wäre er das, was ihm sein Vater nie zugetraut hat: ein großer Maler.

Der Autor

Tom Rachman wurde 1974 in London geboren und wuchs in Vancouver auf. Er arbeitete für die Associated Press in Rom, Japan, Südkorea, Ägypten und in der Türkei. Später wurde er Redakteur des Herald Tribune in Paris.Tom Rachmans erster Roman "Die Unperfekten" wurde zu einem internationalen Bestseller. Er lebt mit seiner Familie in London.

Das Buch

"Die Gesichter" (Originaltitel: "The Italian Teacher") von Tom Rachman, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Bernhard Robben, hat 412 Seiten. Herausgegeben wird es von dtv, , die gebundene Ausgabe (Hardcover) kostet 22 EUR, die eBook-Ausgabe kostet 19,99 EUR.

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