Es gibt bis heute keine gesicherten Erkenntnisse darüber, mit Hilfe welcher Sinnesorgane Tiere anstehende Naturkatastrophen registrieren. Seit der Antike bis hin zum Tsunami um den Indischen Ozean 2004 sind jedoch immer wieder Verhaltensänderungen vor anstehenden Katastrophen dokumentiert.

Beobachtungen, dass Tiere auf kommende Erdbeben sensibel reagieren, gibt es bereits seit der Antike. Zum Beispiel wurde die am Golf von Korinth gelegene griechische Stadt Helike im Jahr 373 v. Chr. durch ein einen gewaltigen Tsunami völlig zerstört. Der griechische Historiker Diodorus Siculus berichtete damals, dass bereits fünf Tage vor der Katastrophe Schlangen, Mäuse und Ratten gleich scharenweise ins Landesinnere geflohen wären, um sich dort in Sicherheit zu bringen.

Sogenannte „Unheil redende Tiere“ kannten auch die Römer. Damit waren Tiere gemeint, die außergewöhnlich laut waren, wenn in unmittelbarer Nähe ein Erdbeben bevorstand. Wenn Hunde, Pferde und Gänse besonders laut bellten, wieherten oder schnatterten, hat man zum Beispiel als Vorsichtsmaßnahme die Sitzungen des römischen Senats ins Freie verlegt.

Theorie einer Kausalkette

Woran und mit Hilfe welcher Sinnesorgane Tiere ein anstehendes Erdbeben registrieren, ist bisher nicht klar. Trotz Forschung gibt es nur verschiedene mehr oder weniger plausible Theorien.

Die im Augenblick am meisten favoritisierte Theorie geht davon aus, dass bei einer Verschiebung der Erdplatten elektrische Ströme freigesetzt werden. Diese Ströme sorgen wiederum dafür, dass sogenannte Aerosole entstehen. Die Tiere nehmen sie über die Atemluft auf. Und sie sorgen in deren Gehirnen dafür, dass der Botenstoff Serotonin ausgeschüttet wird. Serotonin löst bei den betroffenen Tieren Angst und Panik aus und führt letztendlich zum Fluchtimpuls.

Verschiedene Tiere - verschiedene Methoden der Wahrnehmung

Bekannt ist, dass Elefanten über Rezeptoren an ihren Fußsohlen sogenannte Infraschallwellen über viele Kilometer hinweg wahrnehmen, also Schallwellen im niederfrequenten Bereich. Möglicherweise registrieren sie auf diese Weise ein Erdbeben so rechtzeitig, dass sie sich noch in Sicherheit bringen können.

Käfer und Schlangen sind wiederum sehr temperaturempfindlich. Das heißt, sie können die im Erdinneren aufsteigende Lava, die einen bevorstehenden Vulkanausbruch ankündigt, frühzeitig erkennen und fliehen.

China nutzte systematische Tierbeobachtungen in den 70er Jahren

Dass Tiere ein besonderes Sensorium für Erdbeben besitzen, nutzte die chinesische Regierung in den 70er Jahren. Sie rief damals zum sogenannten „Volkskrieg gegen Erdbeben“ auf und forderte die Bevölkerung auf, auf verdächtige Verhaltensweisen ihrer Haustiere oder anderer Tiere zu achten und diese im Bedarfsfall zu melden.

Insgesamt wurden damals innerhalb weniger Tage über 100.000 Amateurbeobachter rekrutiert. Anfang Februar 1975 meldeten die Beobachter gehäuft entsprechende Hinweise. Zum Beispiel krochen zahlreiche Schlangen auf einmal aus ihren Höhlen, in denen sie zu dieser Jahreszeit üblicherweise Winterschlaf hielten. Die zuständigen Behörden lösten daraufhin am 4. Februar 1975 um 10.00 Uhr Katastrophenalarm aus. Um 19.30 Uhr kam dann ein Erbeben der Stärke 7,3. Durch die rechtzeitige Warnung konnten viele tausend Menschen gerettet werden.

Dieses volkseigene Vorwarnsystem hätte möglicherweise auch weiter funktionieren können. Aber es kam anders. Als nämlich am 27. Juli 1976 ein Erdbeben der Stärke 8,2 die chinesische Millionenstadt Tangshan erschütterte, gab es geschätzte 600.000 Opfer unter der Bevölkerung.

Zuvor hatten die zuständigen Behörden zwar über 2.000 Warnungen durch Tiere aus der Bevölkerung erhalten. Da aber im Zuge der Kulturrevolution zuvor viele Beamten entlassen worden waren, wurden diese Warnhinweise einfach nicht weiter verfolgt. Wenig später wurden die systematischen Tierbeobachtungen vollständig eingestellt.

Tiere flüchteten auch vor Tsunami 2004

Bei dem Tsunami 2004 in Südostasien um den Indischen Ozean verloren über 250.000 Menschen ihr Leben. In der Tierwelt dagegen waren deutlich weniger Opfer zu beklagen, als man eigentlich hätte vermuten können.

So wurden zum Beispiel im Yala-Nationalpark in Sri Lanka die Leichen von mehreren hundert Menschen gefunden, wohingegen Tierkadaver fehlten. Und das, obwohl das Reservat etliche Krokodile, Wildschweine, Wasserbüffel, Affen und Elefanten beherbergt. Die Tiere hatten sich offensichtlich, dank einer Art sechsten Sinn, rechtzeitig in das Landesinnere oder auf ausreichend hoch gelegene Stellen zurückgezogen.