Wenn der Hund oder die Katze die Wohnungseinrichtung zerstören, wenn Pinguine im Zoo eine depressive Episode erleben - dann geben Menschen ihnen Psychopharmaka.

Hunde, die nicht einen längeren Zeitraum alleine bleiben können, sind für ihre Halter ziemlich problematisch. Die Tiere leiden unter Trennungsängsten, bellen oder jaulen ununterbrochen oder kacken und pinkeln in die Wohnung. Auch die Zerstörung der Wohnungseinrichtung gehört zu diesem "Fehlverhalten". 

Hund am Arbeitsplatz
© dpa

Für diese Hunde hat jetzt einer der größten Pharmakonzerne der Welt, der amerikanische Pharmakonzern "Eli Lilly and Company", ein eigenes Antidepressivum auf den Markt gebracht: "Reconcile", was auf Deutsch "Ausgleich" bedeutet. Reconcile besitzt den gleichen Wirkstoff, wie das bekannte menschliche Antidepressivum Prozac, nämlich Fluoxentin. Die Tabletten wurden für Hunde mit hundefreundlichem Geschmack versehen.

Aber auch bei Katzen führen schwere Depressionen zu Unsauberkeit, Zerkratzen der Möbel oder permanentem Streit mit der Zweitkatze. Und auch hier kommen in den letzten Jahren vermehrt Psychopharmaka zum Einsatz.

Der Wirtschaftsfaktor Tierpsychopharmaka

Die Herstellung von Tierpsychopharmaka ist nach Meinung von Experten für Pharmaunternehmen in den letzten Jahren deutlich interessanter geworden.

"Haustiere sind mittlerweile ja oft vollwertige Familienmitglieder. Da ist kein Preis zu hoch, dass es ihnen richtig gut geht. Und das haben auch die Pharmaunternehmen verstanden."
Mario Ludwig, Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte

Die britische Wochenzeitschrift "The Economist" schätzt, dass allein in den USA der Handel mit Psychopharmaka für Haustiere bald einen Umsatz von jährlich einer Milliarde Dollar erreichen wird.

Psychopharmaka in Zoos

Umstritten ist, dass Psychopharmaka auch in Zoos zum Einsatz kommen. Bei einer Umfrage des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) gaben acht Zoos in Nordrhein-Westfalen an, Psychopharmaka bei ihren Tieren eingesetzt zu haben. Die Zoobetreiber sprechen nur äußerst ungern über den Einsatz dieser Mittel, deshalb sind nur wenige Fälle ausreichend dokumentiert. 

Delfine in einem Delfinarium
© dpa

Bekannt ist, dass die Delfine im Nürnberger Zoo nahezu täglich das Beruhigungsmittel Diazepam verabreicht bekamen - und das in immensen Dosen. Im Wuppertaler Zoo wurde dagegen ein mitunter äußerst aggressiv reagierender Schimpansenmann mit Valium ruhig gestellt. 

Und im Zoo von London wurden Pinguinen, die offensichtlich unter einer massiven Winterdepression litten, chemische Stimmungsaufheller verabreicht, um ihr Leben etwas erfreulicher zu gestalten.

Die Argumente der Zoos 

  • Zoodirektoren beziehungsweise Zootierärzte behaupten, dass in ihren Zoos Psychopharmaka nur in medizinisch begründeten Einzelfällen zum Einsatz kommen. Zum Beispiel vor Operationen, vor längeren Transporten, bei aggressivem Verhalten gegen Artgenossen oder beim Zusammengewöhnen unbekannter Sozialpartner.

Die Argumente der Kritiker

  • Tierschützer und Verhaltensforscher kritisieren den Einsatz von Psychopharmaka bei Zootieren scharf. Die Kritiker sind der Meinung, dass dadurch die Konsequenzen schlechter Haltungsbedingungen wie Kunstlicht, viel zu wenig Auslauf oder Sozialkontakte verschleiert werden sollen. Durch die Medikation sollen die Tiere an diese schlechten Haltungsbedingungen angepasst werden. 

Untersuchungen der amerikanischen Pathologin Lynn Grinner im Zoo von San Diego zeigen, dass Kritik berechtigt ist. Und dieser Zoo gilt dank der großzügigen und tierfreundlichen Gehege als einer der vorbildlichsten Zoos der Welt. Grinner obduzierte dort über einen Zeitraum von 14 Jahren alle verstorbenen Tiere. Dabei untersuchte sie auch die Kadaver auf Arzneimittelrückstände. Sie fand "eine erschreckend hohe Mortalitätsrate durch die Verwendung von Anästhetika und Beruhigungsmittel". 

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat sich auch zu dem Thema geäußert und sagt: "Ein dauerhafter und routinemäßiger Einsatz von Psychopharmaka - etwa Beruhigungsmittel - zur Kompensation ungeeigneter Haltungsbedingungen verstößt nach Auffassung der Bundesregierung gegen die Vorgaben des Tierschutzgesetzes."

Pflanzliche Mittel in Zoos

Einige Zoos setzen übrigens auf pflanzliche Substanzen: So bekam im Basler Zoo der depressive Orang-Utan Bagus mit gutem Erfolg regelmäßig Johanniskraut. Und im Nürnberger Zoo bekommt Gorilla Fritz, der massive Angst vor der Knallerei an Silvester hat, schon einige Tage zuvor einen beruhigenden Tee aus Melisse und Baldrian. 

Mehr zum Thema

  • Todtraurig im Becken | Wenn dein Fisch kein Futter will, lustlos im Wasser steht und die Schwanzflosse nicht so richtig aufmacht - dann hat er vielleicht eine Depression.
  • Kranke Haustiere | Den meisten Haustierhaltern geht es schlecht, wenn ihr Hund leidet.
  • Wie artgerecht ist Haustierhaltung? | Haustiere werden vermenschlicht und haben oft nicht genügend Platz in unseren Wohnungen. Sollten wir überhaupt noch Tiere in unseren Wohnungen halten?