Rund drei Millionen türkische Wähler leben im Ausland, fast die Hälfte von ihnen in Deutschland. Seit dem 7. Juni konnten sie in 13 Orten im Land ihre Stimmen abgeben. Am Dienstag (19. Juni 2018) war der letzte Tag. Zum Wahlverhalten jüngerer Deutschtürken gibt es keine Zahlen. Unsere Reporterin Elmas Topcu hat sich unter ihnen umgehört. 

Die Stimmzettel sind schon in Säcke gepackt, versiegelt und werden in Begleitung von Wahlbeobachtern in die Türkei geschickt. Am kommenden Sonntag dann (24. Juni 2018) werden die Stimmzettel aus dem Ausland gemeinsam mit den Stimmen in der Türkei ausgezählt. Dann finden dort nämlich die vorgezogenen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt.

Deutschtürkische Wähler sind wichtig für Erdogan

Die meisten Säcke mit Stimmzetteln aus dem Ausland kommen aus Deutschland.  Hier geht es um fast anderthalb Millionen Stimmen, über die sich der amtierende Präsident Recep Tayyip Erdogan natürlich freuen würde. 

Deutschland ist für ihn wichtig. Beim Verfassungsreferendum im vergangenen Jahr unterstützten ihn 63 Prozent der hiesigen türkischen Wähler. Das war ein deutlich höherer Wähleranteil als in der Türkei. 

Türkischer Wähler in Deutschland: eher pro Erdogan

Die wahlberechtigten Deutschtürken wählen insgesamt statistisch gesehen anders als die Wähler in der Türkei, erklärt Reporterin Elmas Topcu. Und zwar im Durchschnitt mehr pro Erdogan: Nicht nur beim Verfassungsreferendum unterstützten sie Erdogan stark, auch hatte Erdogans AKP bei den letzten Wahlen unter den deutschtürkischen Wählern anteilig immer mehr Unterstützung als unter den Wählern in der Türkei. 

Aber auch andere Parteien haben in der Vergangenheit von dem besonderen Wählerverhalten der Deutschtürken profitiert. So wurde die pro-kurdische HDP bei den Wahlen 2015 hierzulande zweitstärkste Kraft und verwies die größte Oppositionspartei der Türkei - die CHP, die im Gesamtergebnis zweite Kraft nach der AKP wurde - auf Platz drei. 

"Meine ganze Familie, meine Oma, mein Opa leben dort. Das wäre dreist, wenn ich mich für das Land nicht interessieren würde."
Berna über ihr Wahlinteresse

Keine Zahlen zum Wahlverhalten junger Deutschtürken

Zahlen speziell zum Wahlverhalten der jüngeren Deutschtürken gibt es leider nicht. Deshalb hat sich unsere Reporterin Elmas Topcu unter ihnen umgehört. 

"Mich interessiert sowohl die türkische Politik als auch die deutsche Politik, weil ich mich immer noch mit dem Land verbunden fühle."
Gülşen über ihr Interesse an der Wahl

Die 20 jungen Deutschtürken, mit denen sie gesprochen hat, interessieren sich alle für die Türkei, für die türkische Politik und für die Wahlen, erzählt sie. Die Entwicklung in der Türkei beschäftige die Menschen hier sehr. Eine der Befragten, Silan, wünscht sich beispielsweise, dass die Türkei ein "demokratisch-friedliches Land" wird. 

"Es herrscht ein Einmannregime. Man sieht das zum Beispiel daran, dass die Knäste zurzeit voll sind, mit Akademikern, mit Lehrern, Journalisten. Aus dem Grund möchte ich vor allem, dass die Türkei ein demokratisch-friedliches Land wird."
Şilan über ihre Hoffnungen

Für Gülşen, die Elmas ebenfalls befragte, steht die Trennung von Staat und Religion im Mittelpunkt.

"Ich habe gestern gewählt, habe die größte Oppositionspartei der Türkei CHP gewählt. Weil ich mir eine klare Trennung von Staat und Religion wünsche."
Gülşen wählte die CHP

Die Formel "AKP-Wähler = nicht integriert" nervt

Dass für die jungen Wähler schnell der Vorwurf einer gescheiterten Integration im Raum stehe, wenn sie ihre Stimme der AKP oder der ultranationalistischen MHP gäben, nerve die meisten, sagt Elmas. Denn die, mit denen sie gesprochen hat, wollten nicht ständig kategorisiert werden. Aus ihrer Sicht gäbe es nämlich keinen Widerspruch zwischen ihrem Interesse an der Türkeipolitik und ihrer Integration. Alle, mit denen Elmas gesprochen hat und die alle politisch sehr unterschiedlich orientiert seien, hätten deutlich gemacht: Wir sind vielfältig, wir sind bunt. Kemal aus Niedersachen zum Beispiel gerät häufig in Erklärungsnot wegen seiner Sympathie für die türkische ultranationalistische Partei MHP und ist genau davon genervt.

"Wenn ich als MHP-Wähler als nicht integriert abgestempelt werde, dann kann ich hier die Frage stellen, wer ist nach eurer Ansicht überhaupt integriert? Ich bin Akademiker, ich spreche die Sprache. Wann ist man überhaupt integriert?"
Kemal stellt die Frage nach der Integration

Und Ferhat aus Wuppertal sieht es genauso:

"Es kann nicht sein, dass irgendwelche sogenannten Türkeiexperten, Integrationsexperten beurteilen können, ob ich mich integriert habe."
Ferhat ignoriert die Frage nach der Integration

Ferhat sei dazu übergegangen, die Frage nach der Integration zu ignorieren, sagt er im Gespräch mit unserer Reporterin. Er sei hier geboren, zur Schule gegangen, habe hier Abi gemacht und studiere inzwischen Jura.

Mehr zum Thema Türkei