Die Nationale Volksarmee (NVA) war eine Freiwilligenarmee, bis im Jahr 1962 die allgemeine Wehrpflicht in der DDR eingeführt wurde. Für die Soldat*innen hatte das große psychische und physische Folgen.

Ost-Berlin, 24. Januar 1962: Die Volkskammer der DDR beschließt einstimmig die Einführung der Wehrpflicht für die Nationale Volksarmee (NVA). Und das, obwohl seit der Gründung der NVA 1956 immer wieder betont worden ist, dass die Nationale Volksarmee der DDR ohne einen solchen Zwang genügend junge Männer für den Beruf des Soldaten begeistern könne. Der wahre Grund dürfte ein anderer gewesen sein, denn bei einer allgemeinen Wehrpflicht – so die Befürchtung der DDR-Regierung – könnten noch mehr junge Männer mit ihren Familien in den Westen flüchten.

Im Januar 1962 aber entfällt dieser Grund, denn seit einigen Monaten ist die DDR von Mauer und Stacheldraht umgeben. Eine Flucht in den Westen ist dadurch enorm erschwert. Und nun zählt auch das Argument nicht mehr, mit dem die SED-Führung den Unterschied zwischen der Bundeswehr – die seit ihrer Gründung 1955 eine Wehrpflichtarmee ist – und der Nationalen Volksarmee ausgemacht hat. Die NVA sei eine Friedensarmee, hieß es unablässig, während die 500.000-Mann-Armee der Bundesrepublik Teil der aggressiven NATO-Strategie sei, die darauf ausgerichtet sei, die Staaten des friedliebenden Sozialismus zu destabilisieren.

NVA: Von der Freiwilligenarmee zur Wehrpflicht

Die Ausbildung in der NVA ist an preußischem Drill mit Stechschritt, extremer militärischer Abhärtung und sinnlosem Drill orientiert. Die immer wieder betonte Aufgabe der NVA, den sozialistischen Charakter der Rekruten zu bilden und für ihre Bewusstseinsbildung zu sorgen, verschwindet während der Dienstzeit hinter hirnloser Schikane wie Liegestützen bis zum Zusammenbruch oder zigfachem Abschreiben des Fahneneides.

Dabei werden – ähnlich wie in der BRD – viele "belastete" Soldaten übernommen. Denn erfahrene Soldaten sind in dieser Zeit oftmals ehemalige Angehörige der nationalsozialistischen Wehrmacht. So hat die NVA am 1. Januar 1958 rund 20.400 Soldaten. 4.600 davon, also knapp 23 Prozent sind ehemalige Wehrmachtssoldaten.

Ähnlich wie in der BRD, wo in dieser Zeit eine heftige Wiederbewaffnungsdebatte stattfindet, wird der Wehrdienst auch in der DDR als demotivierend empfunden. Rekruten sehen den Dienst häufig als vertane Lebenszeit mit vielfältigen Beanspruchungen, Verpflichtungen und Entbehrungen.

Ihr hört in Eine Stunde History:

  • Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Grit Eggerichs erinnert an die Einführung der Wehrpflicht in der NVA im Januar 1962 und erzählt die Geschichte eines jungen Soldaten, der seinen Wehrdienst als eine extrem belastende und fremdbestimmte Zeit erlebte.
  • Militärhistoriker Winfried Heinemann erklärt, wie die NVA bei der DDR-Bevölkerung eingeschätzt wurde.
  • Bernd Wagner vom Zentrum Demokratische Kultur in Berlin war selbst in der NVA und beschäftigt sich mit ehemaligen Angehörigen der NSDAP und der Wehrmacht in der NVA.
  • Christian Müller lehrt an der Universität Potsdam mit dem Schwerpunkt Militärgeschichte und Kalter Krieg. Er erläutert die Bedeutung der NVA im Warschauer Pakt.
  • Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld berichtet über die Anfänge der "bewaffneten Kräfte" in der DDR.