Der US-Präsident beeinflusst via Twitter die Nachrichtenagenda – keine Frage. Und doch ist Twitter als Debattenmedium völlig überschätzt. Das hat jetzt eine Studie im Auftrag des Hans-Bredow-Instituts herausgefunden.

Der letzte Tweet Donald Trumps ist gerade erst abgeschickt. Danach dauert es in der Regel maximal ein paar Minuten, bis sich darunter Tausende Likes, Kommentare und Shares sammeln. Und noch ein bisschen später berichten dann Medien in aller Welt darüber.

"Donald Trump vermittelt uns tatsächlich den Eindruck, dass man via Twitter eine Supermacht regieren kann."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Per Twitter die USA regieren – so kommt das rüber. Wenn Korrespondenten aus Washington berichten, dann berufen sie sich in der Regel auf Trumps Tweets. Das ist ihre Fundgrube Nr. 1 – und auf das, was Trump dort zum Besten gibt, können sie sich ja auch trefflich berufen.

Was unter den Tweets steht, ist nicht repräsentativ

Doch wenn Trump zehntausende Likes für einen Tweet bekommt, sagt das laut der Studie im Auftrag des Hans-Bredow-Instituts überhaupt nichts darüber aus, ob die Bevölkerung seine Meinung teilt oder nicht. Und zwar deshalb, weil dort immer die Gleichen kommentieren.

"Unter Trumps Tweets kommentieren immer die gleichen Personen."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Männer sind der Studie zufolge überrepräsentiert, das Durchschnittsalter ist geringer als das der Gesamtbevölkerung und der Bildungsgrad etwas höher. Es seien diejenigen Personen, die Twitter aktiv nutzen und mitdiskutieren.

Die Schrillen und die Angeber

In der Untersuchung zeigt sich, dass vor allem User mit einer "ausgeprägten Persönlichkeitsstruktur" mitdiskutieren. Die aktiven Twitter-User sind demnach überdurchschnittlich überheblich und neigen auch zu extremeren politischen Positionen als der Durchschnitt. Das heißt: Wir nehmen vor allem die wahr, die am lautesten und schrillsten sind.

Journalisten sollten sich fragen, welches Gewicht sie solchen Twitter-Debatten beimessen. Denn ob Trending Topic oder Zehntausende Kommentare – das sind alles keine Beweise für eine repräsentative Debatte in der Gesellschaft.

Ergebnisse gelten nicht nur für Twitter

In der Studie des Hans-Bredow-Instituts wurde jetzt zwar nur Twitter untersucht. Vom Bauchgefühl her würde unser Netzreporter Andreas Noll aber sagen, dass das auch für politische Debatten zum Beispiel auf Facebook gilt. 

Zu Facebook wurde diesen Sommer eine Studie des Reuters Institut in Oxford veröffentlicht. Demnach finden politische Debatten immer stärker in privaten Räumen statt: Ihr seht also eine Nachricht in der Timeline auf Facebook, postet die Nachricht dann aber mit einem Kommentar bei Whatsapp oder im Messenger. 

Damit steigt zwar die Kontrolle über die Diskussionen, weil der Teilnehmerkreis kleiner ist. Die Forscher sehen aber auch ein Problem darin, weil die für die Demokratie so wichtigen öffentlichen Debatten damit an den Rand gedrängt würden.

Viele User schätzen Online-Debatten falsch ein

Ein großes Problem: Viele Internetnutzer wissen scheinbar nicht, dass man den Debatten im Netz häufig nicht trauen kann. Sie schätzen die Bedeutung der Online-Debatten offensichtlich falsch ein.

Im Frühjahr 2018 hat der Deutsche Presserat deshalb auch eine bessere Kennzeichnung von Online-Umfragen verlangt. Denn diese sind zwar in den seltensten Fällen repräsentativ – doch viele User glauben das, was dort steht, offenbar, wenn nur die Teilnehmerzahl groß genug erscheint.

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