Seit 100 Tagen inhaftiert - und noch immer gibt es keine Anklageschrift. Die Anwälte von Deniz Yücel erwägen, vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen.

Es ist eine runde Zahl, aber Grund zur Freude bietet sie nicht: Deniz Yücel sitzt seit mittlerweile 100 Tagen in der Türkei in Haft. Der Welt-Korrespondent erfährt viel Unterstützung aus Deutschland, Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt sagte uns schon vor einiger Zeit, man wolle alles tun, um den Fall im öffentlichen Bewusstsein zu halten. Die Türkei scheint das aber nicht zu beeindrucken.

Mittlerweile ist Yücel im Hochsicherheitsgefängnis Silivri, 70 Kilometer westlich von Istanbul, untergebracht. Mental und körperlich gehe es Yücel relativ gut, berichten seine Besucher.

"Die Untersuchungshaft kann im Extremfall fünf Jahre dauern, jedenfalls jetzt im Ausnahmezustand."
Deutschlandfunk-Nova-Korrespondent Christian Buttkereit.

Yücel darf einmal in der Woche alleine auf den Sportplatz. Er hat inzwischen im Gefängnis geheiratet, seine Anwälte und Angehörigen dürfen viermal die Woche zu ihm, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Korrespondent Christian Buttkereit.

Viele kritische Journalisten in Haft

Yücel ist nicht der einzige kritische Journalist, der in Silivri einsitzt oder einsaß. Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet", war dort eingesperrt, ebenso wie Erdem Gül. Ahmed Şik, ein weiterer prominenter Journalist, ist wie Yücel nach wie vor in Silivri inhaftiert.

Außenminister Sigmar Gabriel hatte Anfang März erklärt, dass man sich mit Nachdruck für die Freilassung von Yücel und andere inhaftierte Journalisten einsetze. Die Chancen für eine Freilassung Yücels stehen im Moment jedoch nicht gut. Bisher gibt es nicht einmal eine Anklageschrift. 

"Wir setzen uns mit Nachdruck für die Freilassung ein, nicht nur von ihm, auch für die anderen inhaftierten Journalistinnen und Journalisten."
Sigmar Gabriel, Bundesaußenminister

Hilft der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte?

Yücels Anwälte erwägen nun, vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg zu ziehen. Das ist eigentlich nur möglich, wenn der nationale - in diesem Fall der türkische - Rechtsweg ausgeschöpft ist. 

Yücels Anwälte streben eine Ausnahmeregelung an, da die türkische Justiz offenbar mit den vielen Fällen überlastet ist. Fraglich ist, ob das funktioniert, und ob ein Richterspruch aus Straßburg in der Türkei eine Wirkung hätte, so Buttkereit.

Silivri - der Prototyp türkischer Gefängnisse

Silivri gilt als Prototyp für Gefängnisse in der Türkei. Die Einzelzellen sind so angelegt, dass kein Kontakt zu anderen Personen möglich ist. Auf einer Fläche so groß wie 200 Fußballfelder können 13.000 Gefangene untergebracht werden. Es gibt Wohnungen für die Bediensteten, ein Krankenhaus und Gerichtssäle. Andere Gefängnisse in der Türkei werden nach diesem Vorbild gebaut.

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