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Die Pandemie ist für viele Menschen eine riesige Herausforderung. Sie kann auch zu psychischen Erkrankungen beitragen. Thorsten Padberg will den Blick auf Depressionen verändern, um Menschen nachhaltig zu helfen – ohne sie zu stigmatisieren.

"Es ist ganz normal, dass wir auf bestimmte Situationen depressiv reagieren", sag Thorsten Padberg. "Aber ob es hilft, diese Reaktion als Krankheit zu bezeichnen, das ist eine andere Frage."

Thorsten Padberg ist Psychotherapeut mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie. "Ich glaube, es wird dann schwierig, wenn man sagt: die, die ängstlich oder depressiv werden, haben ein persönliches Defizit." Padberg kritisiert damit vor allem, dass Menschen allein für ihre Situation verantwortlich gemacht werden und sich entsprechend auch eigenständig darum kümmern müssen, wieder gesund zu werden. Was nicht nur wegen wochenlanger Wartezeiten auf einen Therapieplatz eine Herausforderung ist.

"Wir vergessen, auf die Ursachen von Depressionen zu schauen."
Thorsten Padberg, Psychotherapeut

Thorsten Padberg will den Menschen nachhaltig helfen und etwas gegen die Ursachen von Depressionen tun, statt immer wieder Anti-Depressiva zu verschreiben. Den Medikamenten steht Padberg ohnehin eher kritisch gegenüber. "Der Unterschied zwischen Placebo und Antidepressivum ist in kontrollierten Studien klein." Diese Studien zeigen, dass Antidepressiva vor allem Menschen mit schweren Depressionen helfen können, der Effekt für leichtere Depressionen aber sehr überschaubar ist.

"Es war die Hoffnung, in den Genen oder Gehirnstrukturen Anhaltspunkte für Depressionen zu finden. Es hat bis heute nicht geklappt."
Thorsten Padberg, Psychotherapeut

Seine Kritik und Sichtweise hat er in dem Buch "Die Depressionsfalle. Wie wir Menschen für krank erklären, statt ihnen zu helfen" aufgeschrieben. "Ich will versuchen, eine andere Geschichte der Depression zu erzählen. Eine, in der es weniger um Medikamente und Gehirnstoff-Wechsel geht. Und in der sich jeder sofort verpflichtet fühlt, in Therapie zu gehen, wenn es ihm mal ganz schlecht geht", sagt Thorsten Padberg.

Ansatz: Den Faktoren, die Depression begünstigen, Aufmerksamkeit schenken

Die Biowissenschaften hätten seit 40 Jahren nichts geliefert, sagt er. "Wir wissen von der sozialen Seite aber ganz genau, was die Einflussfaktoren für Depressionen sind." Zu diesen Faktoren zählen zum Beispiel soziale Ungleichheit, Armut oder die Angst vor dem Jobverlust (etwa in der Pandemie). Diese Faktoren hängen wiederum eng zusammen. "Doch dagegen tun wir häufig wenig und sagen den Menschen: Du musst Dich schon selbst kümmern", kritisiert der Psychotherapeut.

Bei Depression wurde zu lange auf organische und physiologische Ursachen geschaut

Einer seiner Hauptkritikpunkte: die Medizin habe in den vergangenen Jahrzehnten vor allem auf organische und physiologische Ursachen von Depressionen geschaut. Doch ob und wie genau zum Beispiel der Serotonin-Haushalt im Gehirn mit einer Depression zusammenhänge, sei eben immer noch nicht klar.

Dabei setzen viele der heute verschrieben Anti-Depressiva genau dort an: sie sorgen dafür, dass ausgeschüttetes Serotonin (ein Botenstoff, der unsere Emotionen beeinflusst) nicht sofort wieder aufgenommen wird und der Serotonin-Level im Gehirn so erhöht wird. Die Grundannahme: dadurch würde die Stimmung von Menschen aufgehellt.

"Man kann ja auch sagen: Ich will mein Leben mit dir verbringen, aber nicht die nächsten drei Stunden."
Thorsten Padberg, Psychotherapeut

Gerade in Pandemiezeiten sei eine depressive Phase aber auch einfach eine nachvollziehbare Reaktion. Für viele Familien, aber auch Paare seien die vergangenen knapp 20 Monate eine große Belastung gewesen. Wer zum Beispiel vorher viel zusammen feiern war und nun immer eng aufeinander hängt, könne sich eben auch schwer auf den Geist gehen. Stundenlanger Abstand könne da hilfreich sein, sagt Thorsten Padberg.

Im Deep Talk spricht er mit Sven Preger über Depressionen, warum wir sie aus seiner Sicht falsch verstehen und was wir dagegen tun können, wenn wir zu Hause mal wieder wegen Corona zu eng aufeinander hängen.

Hilfsangebot Depressionen

Für Angehörige von an Depression erkrankten Menschen gibt es Information auf dem Portal Deutsche Depressionshilfe. Dort findet ihr auch die Hotline 0800-33 44 533 und einen Online-Ratgeber.

Wer selbst Hilfe braucht, kann sich telefonisch oder online bei der Telefonseelsorge melden. Unter den kostenlosen Hotlines 0800-111 0 111 und 0800-111 0 222 könnt ihr euch anonym und vertraulich beraten lassen. Weitere Hilfsangebote haben wir hier für euch aufgelistet.