Im Rheinland, nahe Köln, ist deutschlandweit der erste Fahrrad-Solarweg eröffnet worden: Ein Weg, der durch Solarmodule Strom erzeugt. Unsere Reporterin Vivien Leue hat ihn sich angesehen. 

Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Vivien Leue steht auf einem Fahrrad- und Spazierweg in Erftstadt, einer Stadt mit 50.000 Einwohnern nahe Köln. Links von ihr ein Feld, rechts, hinter Hecken, ein Wohngebiet mit Einfamilienhäusern. Und vor ihr liegt eine deutschlandweit einzigartige Innovation: Eine Straße, die Strom erzeugt – und offenbar bei einigen Anwohnern für Skepsis sorgt. Der Projektleiter der Stadt Markus von Wirth erklärt: Der Belag sei neu, deshalb seien einige Leute vorsichtig. 

Der Belag, besteht aus dunkelblauen, fast schwarzen Solar-Modulen in Noppenoptik. Sie wandeln Sonnenenergie in Strom um. Nicht glatt wie auf Hausdächern, die Struktur erinnert eher an einen Autoreifen. "Wenn man das nicht wüsste, würde man das vielleicht gar nicht wahrnehmen“, bestätigt eine ältere Dame. 

Das Glas ist außerdem mit einem Korund beschichtet. Das ist ein Stein, der besonders rutschfest ist und fast so hart wie Diamant. Deshalb können nicht nur Fahrräder, sondern auch Autos und Lastwagen über die 90 Meter lange Strecke fahren. Sie soll nur ein erster Test sein. Läuft er gut, könnten solche Module in Zukunft auch auf normalen Straßen liegen. 

"Von der Idee zum Prototyp sind fast zehn Jahre rum."
Donald Müller-Judex, Ingenieur und Maschinenbauer

Die Idee dahinter hatte ein Ingenieur und Maschinenbauer: Donald Müller-Judex ist mit zwei Mitarbeitern seiner Berliner Firma Solmove nach Erftstadt gekommen, um den Radweg offiziell einzuweihen. Vor knapp zehn Jahren wohnte der 56-Jährige noch in Bayern und suchte im Allgäu nach Dächern für Solarmodule. Und irgendwann hatte er dann eine Idee: "Warum eigentlich nicht die Straße nutzen?" 

Dann war erst einmal viel Überzeugungsarbeit nötig. Donald Müller-Judex ist sich sicher: Viele Gesprächspartner haben ihm innerlich den Vogel gezeigt, als sie von seiner Idee hörten. Aber Müller-Judex sieht sich als Visionär – und er ist hartnäckig. Irgendwann traf er auf einen der führenden Solarexperten Deutschlands. Und der sagte: "Klar, warum nicht."

Den jetzigen Prototyp hat Müller-Judex' Firma gemeinsam mit zwei Fraunhofer-Instituten, der RWTH Aachen, der Universität Bayreuth und dem Forschungszentrum Jülich gebaut. Von Anfang an haben sie darauf geachtet, das System so entwickeln, dass es robust ist, das es auch mit Salz oder Steinen umgehen kann. Trotzdem ist für ihn auch heute klar: Seine Mitstreiter und er sind noch lange nicht am Ende der Entwicklung angelangt.

Noch sind die Produktionskosten der Solarmodule recht hoch. Zahlen will Donald Müller-Judex lieber nicht nennen. Das große Ziel ist aber klar: die Technik bezahlbar machen. Und dann geht vielleicht auch irgendwann die Rechnung auf: Die Hightech-Straße kostet nicht nur – mit ihrer Hilfe wird auch Geld verdient, weil Strom erzeugt wird.  

Kindern etwas Sauberes hinterlassen

Während die Teststrecke in Erftstadt die notwendigen Daten aus der Praxis sammelt, arbeitet der Erfinder Donald Müller-Judex schon an der Weiterentwicklung seiner Idee, die für ihn schon längst zu einer Herzensangelegenheit geworden ist. Weil er sich selbst zu einer Generation zählt, die es geschafft hat, unseren Planeten innerhalb von wenigen Jahren zu vergiften.

"Wir sind die Generation, die es geschafft hat, innerhalb von wenigen Jahrzehnten die Erde unglaublich zu vergiften, und mein Wunsch ist es, für meine Kinder und ihre Generation, etwas Sauberes zu hinterlassen."
Donald Müller-Judex, Ingenieur und Maschinenbauer

Irgendwann – so seine Vision – liegen die Solarmodule überall: auf Parkplätzen, in Industriegebieten, auf Autobahn-Standstreifen. Nach seinen Berechnungen würde das deutsche Straßennetz – ohne die Autobahnen – reichen, um 20 Millionen Elektroautos mit Strom zu versorgen. Allein die 90 Meter lange Teststrecke in Erftstadt soll pro Jahr so viel Strom erzeugen, dass vier Familienhaushalte davon leben können.

"Das ist schon klasse, wenn man auf diesem geringen Raum Strom für mehrere Familienhäuser erzeugen kann, ohne Fläche zu zerstören und ohne auch das Landschaftsbild zu beeinflussen."
Donald Müller-Judex, Ingenieur und Maschinenbauer

Das überzeugt auch einige Anwohner, die schon darüber diskutieren, ob man die Strecke nicht sogar verlängern könnte. Aber nicht jede und jeder ist  begeistert: Die Hunde, die hier tagtäglich Gassi geführt werden, machen einen Bogen um die seltsame Oberfläche. Weil es nicht nach Hund riecht, mutmaßt eine Halterin.